Langsames vs. schnelles Abnehmen

Mit Erreichen eines Gewichts so um die 75 kg habe ich beschlossen, etwas langsamer abzunehmen. Oder, anders gesagt: wieder mehr Kalorien zu mir zu nehmen. Damit stieß ich bei meiner Umwelt auf hohe Akzeptanz, da zuletzt ganz entsetzt reagiert wurde, wenn ich erklärte, dass ich noch ca. 8-10 kg abnehmen möchte:

„Dann wiegst du viel zu wenig! Das ist niemals gesund!“

„10 kg? Spinnst du? Wo sollen die herkommen?“

„Du bist doch jetzt schon schlank, lass es lieber so. Nicht dass du magersüchtig wirst!“

Wenn ich darauf antwortete, dass es mir primär um Fettabbau gehe und ich nur noch „Fein-Tuning“ betreibe und außerdem jetzt auch langsam abnehmen werde, verstummten die kritischen Stimmen meist.

Weil, langsam abnehmen hört sich ja vernünftig an.

9 Monate lebte ich von ca. 1000 kcal und weniger und nahm dadurch wöchentlich zwischen 1,5 kg und  1 kg ab. Dann fing ich an, mein Kalorienziel auf 1500 kcal täglich hochzuschrauben. Rein theoretisch hätte ich dadurch wenigstens ein halbes Kilo pro Woche verlieren müssen.

Tatsächlich verlor ich vom 1.4. 2017 bis heute, also ca. in 11 Wochen, genau 1,3 kg. In diesen 11 Wochen schwankte mein Gewicht halsbrecherisch, so hatte ich am 29.4. 71,7 kg kg, am 12.5. 74,5 kg und am 26.5. wieder 71,5 kg.

Dieses Rumgeeiere ging mir die Tage so auf den Zeiger, dass ich beschlossen habe, wieder weniger zu essen und dadurch schneller abzunehmen. Das klappt bisher ganz gut. Ich glaube nämlich, dass mich das Aufweichen der Regeln nachlässig hat werden lassen. In vielerlei Hinsicht! Dadurch schlichen sich Fehler ein, die beim Abnehmen auf die Bremse drückten.

Mein Fazit: Langsames Abnehmen ist viel schwerer als schnelles! Es wirkt demotivierend und führt meiner Meinung nach viel leichter zum Schummeln und damit zu einem Abbrechen der Diät (getreu dem Motto „bringt ja eh nichts“).

Meine Fehler (ich möchte nicht verallgemeinern, der eine oder andere kann mit langsamen Abnehmen durchaus Erfolge erzielen, mein wunderbarer Ehemann z.B.):

  • Nicht mehr täglich wiegen: Ich war schludrig, was das anging. Das führte dazu, dass mich die starken Gewichtsschwankungen total demotiviert haben. Ich kann nicht verstehen, warum vom täglichen Wiegen abgeraten wird. Hätte ich mich nur wöchentlich, z.B. am Sonntag gewogen, sähe meine Tabelle so aus:
    72,8 – 73,7 – 73 – 74,8 – 71,7 – 73,5 – 73,1 – 73,4 – 72,2 – 71,9 – 72, 2 (Anfang April bis Anfang Juni). Spätestens in der 4. Woche hätte ich ohne Wissen um die täglichen Schwankungen bei 74,8 kg das Handtuch geschmissen („funktioniert bei mir nicht“)!
  • Falscher Gesamtumsatz: Hier ist es wirklich, WIRKLICH wichtig, ehrlich zu sich zu sein. Mache ich 1-3 x die Woche Sport? Eher nicht ! Bin ich sonst aktiv? In meinem Bürojob? Wohl kaum. Suche ich mir im Netz den Rechner aus, der mir die höchsten Werte ausspuckt? Ich orientiere mich jetzt lieber an der (uralten) Faustregel: pro kg Wunschgewicht x 30 (Männer 32) (z.B. 64 kg * 30 = 1920 kcal Gesamtumsatz). Dann gewünschtes Defizit wählen.
  • Kein Sport: Sport wirkt bei mir als Essbremse, also im Grunde doppelt! Ich verbrenne Kalorien, baue Muskulatur auf und vergesse jedes Hungergefühl. Dazu entspannt mich Sport total. Warum habe ich es einschleifen lassen, dass ich kaum noch aktiv war?
  • Kalorien schätzen und nicht tracken: Ich habe mehrere Wochen meine Kalorienzufuhr geschätzt und habe nichts mehr in mein Kalorientagebuch eingetragen. Als ich das dann doch mal gemacht habe, war ich ratzfatz bei 2000 kcal. Davon nehme ich nicht zu. Aber eben auch nicht ab!
  • Frühstücken: Irgendwann habe ich (leider stressbedingt) angefangen, so gegen 10 etwas zu essen. Keine gute Idee. Bei mir führt das frühe Essen zu deutlich mehr Hunger über den Tag. Wenn ich dagegen um 12 die erste Mahlzeit zu mir nehme, hält das oft bis zum Abendessen vor.
  • Zu wenig trinken: Die starken Schwankungen kamen mit hoher Wahrscheinlichkeit von Wassereinlagerungen. Die entstehen aber eben auch dadurch, dass man zu wenig trinkt!
  • Man kann sich ja mal was gönnen: Klar, dagegen spricht absolut nichts. Nur darf man sich dabei nicht selbst behumpsen (Ich bin heute in den 6. Stock zu Fuß! Das ist bestimmt einen Proteinriegel wert!). Solche „Sünden“ sollte man tracken, auch wenn das kalorientechnisch schmerzhaft ist, aber wenigstens weiß man dann, warum man am nächsten Tag mehr wiegt (ist zwar nur Wasser, kein Fett – nervt aber trotzdem).
  • Essen als Stresskompensation: Ich hatte die letzten Wochen vermehrt Stress. Als „Belohnung“ habe ich mir dann Essen gegönnt. Zwar immerhin nicht das Maximalböse, sondern zuckerfreie Protein- oder Müsliriegel, aber auch diese Snacks haben natürlich Kalorien.
  • Essen zu jeder Zeit: Nicht nur das Frühstück hat mich gebremst, auch das Essen, wann immer mir danach war (Stichwort intuitiv). Ich brauche feste Zeiten: (1) nichts bis 12 Uhr, (2) nichts bis 15 Uhr, (3) nichts bis 19 Uhr, (4) nichts nach dem Abendessen!
  • Zu wenig Protein: Ich habe überhaupt nicht mehr darauf geachtet, genug Proteine zu essen. Statt dessen habe ich mir ab und an Brioche und Milchbrötchen gegönnt. Ich verdamme Kohlenhydrate nicht. Aber in dieser „leeren“ Form tragen sie eben auch nicht zu einer guten Abnahme bei.

Ich bin nun dabei, mich wieder deutlich mehr zu disziplinieren. Zwei „Neuerungen“ helfen mir dabei:

  1. Ich mache eine Stresstherapie (online über die Fernuni Hagen, dort bin ich in einer Versuchsgruppe, die Therapie wird noch nicht offiziell online angeboten)
  2. Ich nutze eine sehr empfehlenswerte App namens Habitica! Diese App (oder Website) hilft, Gewohnheiten zu etablieren bzw. Aufgaben zu bewältigen. Das ganze geschieht sehr spielerisch, ähnlich wie bei einem Rollenspiel und wirkt dadurch ausgesprochen motivierend! Auf der dazugehörigen Plattform gibt es dazu auch noch Wettbewerbe (z.B. „Food tracking Challenge June“ oder „100 Stockwerk Challenge“ usw.), bei denen man etwas gewinnen kann.

Schlusswort: Ich bin wieder voll dabei! Ich mache wieder Sport und bejuble meinen Muskelkater! Ich schaffe auch den Rest!

Frau Quijote und die Windmühlen

Die letzten Wochen war ich immer mal wieder beruflich unterwegs, weshalb ich mich hier ein wenig rar gemacht habe. Dazu kam, dass die Arbeit am Heimatort dummerweise nicht weniger wurde. Wer hätte das gedacht…

Aus irgendeinem verrückten Grund bin ich nämlich Frau Wichtig – oder, wie ich mich gerne und meiner Meinung nach treffender nennen möchte: Frau Quijote. Es gibt nämlich gewisse Ähnlichkeiten. Gut, ich bin kein adeliger Mann aus Spanien und habe auch keinen Diener und womöglich bin ich auch eher Rosinante, der Gaul (aber ein dürrer, wohlgemerkt! – naja, also auch nicht der Gaul).

Auf jeden Fall habe ich einen Hau in der Birne, wie eben jener berühmte Hidalgo aus „irgendwo in Spanien“. Ich kämpfe andauernd gegen Windmühlen und aus mir nicht bekannten Gründen, muss ich ständig über irgendwelche Hürden hüpfen. Da ist etwas, das mir Stress verursachen könnte? Her damit!

Heute habe ich gelernt, dass es tatsächlich „solche Menschen“ gibt, also die, die Stress suchen und ihn als Herausforderungen sehen. Challenges, wie ich das gerne hier und auch sonst nenne. Stress, der gute jedenfalls, scheint mir irgendwie etwas zu bedeuten.

Neben meinen zwei Tätigkeiten in der Leitung und im QM studiere ich nämlich auch noch. Warum? Weil ich Bock dazu habe und aus mir nicht bekannten Gründen nicht anders kann. Ich könnte in meinem schon ein paar Jahrzehnte andauernden Leben die Jahre an meinen Händen abzählen, in denen ich nicht auf einer Schule oder Universität oder sonstigen Akademie war und irgendetwas versucht habe zu lernen.

Und weil mir womöglich in den zwei Minuten Freizeit pro Woche langweilig werden könnte, habe ich im Oktober vergangenen Jahres angefangen, Spanisch zu lernen. Weil.

Ja. Weil. Irgendwann, vor 20 Jahren, zwischen meinem (abgebrochenem) Erst- , (abgebrochenem) Zweit- und vor dem Drittstudium (done), hatte ich als Nebenfach mal zwei Semester Spanisch studiert. Hängen geblieben ist in etwa „¡Hola! Una cerveza… „. Achja, „¡por favor!„, ich bin ja ein höflicher Mensch. Und nun bieten wir bei mir an der Akademie Spanisch an und da dachte ich, _HALT_ ich dachte eigentlich gar nicht, ich hab es einfach gemacht und mich in den FORTGESCHRITTENEN-Kurs gesetzt. Weil, Anfänger wäre ja zu WENIG stressig…

Nun sitze ich da und wusste bis vor kurzem gar nicht, warum ich eigentlich diese Sprache lerne. Im Kurs radebreche ich rum, verwechsle ständig Spanisch mit Französisch (das ich btw gar nicht so gut kann) und es fallen mir die Wörter grundsätzlich in ALLEN anderen Sprachen ein, nur nicht in dem verdammten Spanisch. Hört sich jetzt so an, als könnte ich wahnsinnig viele Sprachen. NEIN, ich kann nur in wahnsinnig vielen Sprachen ein Bier bestellen! Oder einen Aschenbecher.

Und dabei trinke und rauche ich noch nicht einmal.

Ich erinnere an dieser Stelle an Don Quijote.

Dabei bin ich womöglich eher ein Salvatore wie im „Namen der Rose“, ein armer Teufel, der alle möglichen Sprachen irgendwie spricht, aber keine so richtig.

Aber warum lerne ich nun zum zweiten Mal Spanisch? Bis auf entfernteste Ahnen habe ich gar keinen Bezug zu diesem Land. Ich war da nie, wollte da nie hin, fand es eigentlich nicht sonderlich attraktiv und die Sprache gefällt mir gar nicht so sehr. Da hätte ich lieber Polnisch lernen wollen, das mag ich von der Melodie viel lieber (und das Land wäre auch näher).

Als ich die Tage so am Balkon saß und in meinem Spanischbuch rumblätterte, habe ich mir zum ersten Mal die große Karte von Spanien auf den Einbandinnenseiten angeguckt. Und dann erinnerte ich mich, dass ich tatsächlich doch schon mal in Spanien war. Ich erinnere mich an einen Stier aus Pappe, der immer mal wieder am Straßenrand zu sehen war, ich erinnere mich an Blumen und grünes Wasser. Stellt sich raus, der Stier war Werbung für Veterano Osborn und die Blumen und das grüne Wasser waren in einem Garten in der Alhambra. Man merkt schon, was mich beeindruckt hat und was hängen blieb. Dumm nur, dass ich da erst drei Jahre alt war.

Und als ich die Karte so betrachte und das grüne Wasser vor mir sehe, kommt mir eine wahnwitzige Idee. Jetzt, wo ich verdammt gut ein Bier auf Spanisch bestellen kann (und einen Aschenbecher!), könnte ich da ja mal echt hinfahren! Mit dem Ehegatten! Einfach so!

Und wenn ich mit Spanisch durch bin, lerne ich dann, ein Bier auf Chinesisch zu bestellen.

Nach China wollte ich nämlich schon immer mal.

Nur ein Jahr

Im Februar 2016 war ich bei meinen 172 cm 120 kg schwer. Ich trug Kleidergröße 56 (oben) und 50 (unten), BH-Größe 105 F und Schuhgröße 41,5. Ich war 42 Jahre alt.

Fast alles, was ich zu dieser Zeit im Kleiderschrank hängen hatte, war schwarz. Diese Kleidung musste ich online kaufen, da es in normalen Bekleidungsgeschäften für mich kaum etwas zum Anziehen gab. Ich konnte auch nur noch flache Schuhe tragen, die möglichst breit sein mussten, sonst bekam ich meine aufgequollenen Füße abends kaum heraus. Mein Doppelkinn versteckte ich mit Halstüchern, auch im Hochsommer.

Schmuck, obwohl reichlich vorhanden, trug ich fast gar nicht mehr. Ringe brachte ich nicht mehr auf oder vom Finger, Ketten spannten über das Genick, Ohrringe, selbst die großen, wirkten verloren in meinem Gesicht.

Ich vermied, wo es ging, auf Fotos abgelichtet zu werden. Wenn ich auf der Couch saß, spürte ich meinen dicken Bauch und fühlte mich schwanger. Ich musste ihn weghieven, wenn ich aufstand. Socken und Schuhe konnte ich nur im Sitzen anziehen. Und ich konnte nur für wenige Sekunden in die Hocke gehen.

Es war mir nicht möglich, meine Arme vor dem Körper zu verschränken oder meine Beine beim Sitzen übereinanderzulegen. Bei Stühlen musste ich darauf achten, dass sie für über 100 kg geeignet waren. Ein Gartenstuhl, der das Kriterium nicht erfüllte, zerbrach unter mir.

Beim Duschen musste ich mich durch die Glastüre quetschen und beim Abtrocknen reichte kein einziges Handtuch um meinen Körper.

Saß ich in der S-/oder U-Bahn, konnte nur noch ein sehr schlanker Mensch neben mir sitzen. In Autos musste ich den Sitz weit nach hinten schieben. Wenn ich längere Zeit irgendwo saß, taten mir die Füße beim Aufstehen so weh, dass ich einige Schritte humpeln musste, bevor ich normal gehen konnte. Normal gehen konnte ich aber nur für ein paar 100 Meter. Der Weg von der Haltestelle zu mir nach Hause verursachte Beinschmerzen. Einkäufe erledigte ich mit Minimalbewegung und mit Hilfe von Bus und Bahn. Fahrstühle und Treppen waren meine besten Freunde, denn meine Knie begannen zu schmerzen, wenn ich Stufen nach unten stieg.

Ich dachte damals sogar, dass mich die mörderisch lange Treppe an der Haltestelle bei meiner Arbeit irgendwann einmal umbringen würde, da ich japsend, nach Luft schnappend, das mit einem Husten oder Lachen überdeckend, oben ankam und dabei das Gefühl hatte, das Herz springt mir gleich aus der Brust.

Ich begann, mich mit achtsamen Essen auseinanderzusetzen und versuchte, die zahlreichen Süßigkeiten, die ich konsumierte, wegzulassen. Ich nahm 3,5 kg ab.

Am 26.05.2016 las ich dann ein Buch. Dieses Buch heißt „Fettlogik überwinden“, geschrieben von Nadja Hermann.

Am 27.05.2016 begann ich, mein Leben zu verändern.

Heute, genau ein Jahr später, bin ich bei meinen 172 cm 71 kg schwer. Ich trage Kleidergröße 38 (oben und unten), BH-Größe 70 D und Schuhgröße 40,5. Ich bin 43 Jahre alt.

Das rechte Bild ist jetzt nicht der Burner. Ich wollte eigentlich nur die absolut coolen Wolken-Haargummis fotografieren, was sich als schwerer herausstellte als gedacht.

Ich möchte mich an dieser Stelle bei Nadja bedanken für dieses unglaubliche Geschenk! Dank ihr hat sich meine Lebensqualität, meine Gesundheit und meine Stimmung um ein vielfaches verbessert und zumindest rein statistisch hat sie mir auch ein paar Lebensjahre mehr verschafft! Darüberhinaus hat sie mir mit ihrem Buch auch gezeigt, dass man seinem Schicksal eben nicht hilflos ausgeliefert sein muss. Das ist eine Lektion, die durchaus übertragbar ist. Herzlichen Dank, Nadja!

Und ganz besonders bedanke ich mich beim bestesten Ehemann, der über die (großartigen) Comics von Erzählmirnix (auch Nadja) auf das Buch kam und es mir empfohlen hat. Seine Unterstützung und Liebe haben die Abnahme bis hierher begleitet, nebenbei hat auch er Kilos gelassen und wir machen gemeinsam weiter, bis wir unsere Ziele erreicht haben. ❤

Was ist eigentlich normal?

Gestern ergab es sich so, dass meine ebenfalls mit FLÜ abnehmende Kollegin und ich uns über gestörte Körperwahrnehmung unterhielten. Sie ist fast im Normalgewicht, ich bin im Normalgewicht. Wir haben momentan beide das Gefühl, dass tatsächlich sehr viele Menschen im Umfeld oder auch einfach auf der Straße übergewichtig bis stark übergewichtig sind.

Das liegt u.M.n. daran, dass wir uns deutlich massiver vergleichen, sich aber auch unsere Maßstäbe verändert haben. Während wir früher beide dachten, „so wie xy auszusehen, würde mir schon reichen“, sind wir heute kritischer. Zumal unsere xy-Personen meist propper und tatsächlich übergewichtig waren/sind. Wir haben schlicht und einfach Übergewicht gar nicht als solches erkannt.

„Wenn du noch weiter abnimmst, rutscht du durch die Gullischlitze.“ (Mami, 2017)

Das mag nun wertend klingen, aber eigentlich ist es eher die nüchterne Erkenntnis, die uns überrascht hat. Wenn ich mich hier in meinem Arbeitsumfeld umblicke, haben wir 40% normalgewichtige und 60% nicht normalgewichtige MitarbeiterInnen (in Hamburg), genauer 40% übergewichtige und 20% adipöse, Untergewicht hat keiner. Das mag bei unseren Studierenden anders aussehen, denn darunter sind sehr viele schlanke junge Frauen und Männer. Möglich dass die Verteilung daher auch vom Alter abhängt. Sicher gibt es dazu präzise Studien.

Wenn es stimmt, das wir mit Normalgewicht mittlerweile zur Minderheit gehören, wundert es mich nicht, wenn sich die Wahrnehmung verschiebt. Man findet ja immer das normal, was einen mehrheitlich umgibt.

Ich falle nun, zumal für meinen Altersbereich wieder aus der Norm, weshalb man es für total absurd (und überflüssig) hält, dass ich noch weiter abnehmen möchte (hin zum durchschnittlich normalen BMI von 21).

„Du warst ja schon immer ein bisschen moppelig.“ (Bekannter, 2002)

Als ich das letzte Mal mein jetziges Gewicht hatte, das war vor ziemlich genau 15 Jahren, fühlte ich mich allerdings deutlich schlanker als heute. Ich glaube, dass das daran liegt, dass meine damalige Abnahme mit einer schlimmen vorherigen Krankheit zu tun hatte (ich verlor ca. 30 kg innerhalb ein paar Monaten) und daher überwiegend Muskelmasse abgebaut wurde. Meine Beine z.B. sahen damals viel dünner aus als jetzt. Mir wurde von meiner Umwelt aber nicht signalisiert, dass ich nicht weiter abnehmen sollte. Im Gegenteil, ich wurde immer noch als übergewichtig wahrgenommen. Nur mein Anästhesist erklärte, ich hätte Normalgewicht (allein deshalb weiß ich überhaupt, wie viel ich damals wog).

„Fette Blunzen!“ (Mitschüler, 1988)

Davor wog ich mit 15/16 Jahren bei gleicher Größe ebenfalls ungefähr 70 Kilo und war damit auch im Normalgewicht. Ich erinnere mich sehr gut daran, wie mir laufend zu verstehen gegeben wurde, ich sei zu dick. Meine Diätkarriere hängt maßgeblich mit diesem Gefühl zusammen, das mir als Teenager leider auch von meinen Eltern vermittelt wurde. Weshalb ich jedem davon abrate, Gewicht vor Volljährigkeit zum Thema zu machen. Dazu rät auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Nämlich dass es besser ist, für ausreichend Bewegung zu sorgen und Zurückhaltung vorzuleben. Wäre nicht seit dieser Zeit „Essen“ für mich mit negativen Gefühlen wie Schuld und Versagen verbunden, hätte ich vielleicht die Kurve gekriegt.

Statt dessen muss ich jetzt, mit über 40 wieder lernen, dass Essen mich nicht beherrscht, sondern ich das Essen.

Nun gehen aber zweifellos zahlreiche Gesundheitsrisiken mit Übergewicht einher, so dass unabhängig von Wahrnehmung und Präferenz die Veränderung nach oben zu unseren Ungunsten abläuft. Ob wir (leichtes) Übergewicht schön finden oder nicht, es beschert uns als Gesellschaft nachhaltig Probleme.

Was also tun?

Fresstag

Ich (oder wir, der beste Ehemann nämlich auch) hatte(n) gestern einen Fresstag. Oder in Diät-Sprech: Cheat Day. Oder – wie man hier im Norden sagt: Scheat Day, weil man das „Tsch“ nicht kann oder will (deshalb sagt die S-Bahn Hamburg am Ende der Fahrt auch nicht TSCHüss, sondern Schüss).

Und Scheat Day hört sich an wie Schiet Day, was noch norddeutscher ist und rein kalorientechnisch auch verdammt richtig wäre. Aber nur da. Denn sonst war das ein ganz wunderbarer Tag, weil wir nämlich sehr bevorzugt die Einlaufparade zum Hafengeburtstag bewundern durften. Und dazu gab es leckeres Essen.

Ich habe ein paar Erkenntnisse aus meinem 1. Scheat Day gewonnen:

  • Gummibärchen (bzw. in diesem Fall Teufel, Schnuller usw.) schmecken wie süßes Plastik, es war also kein Verlust, über ein Jahr darauf zu verzichten
  • Butterkuchen, noch dazu gefüllt, ist lecker. Und entgegen meiner Erwartung, dass ich das mörderdicke Stück nicht schaffe, hätte ich noch ein zweites folgen lassen können (hab ich aber nicht). Einziges Manko: ich verstehe nicht, warum ein süßer Kuchen mit süßer Füllung und Mandeln obendrauf noch eine Zuckerkruste benötigt.
  • Schaumküsse gehen immer noch. Obwohl sie pur aus Zucker bestehen! Nach zwei Stück plus obigen sechs Gummibärchen bin ich allerdings rumgehüpft wie ein Flummi.
  • Pures Weißbrot hat die Konsistenz und den Geschmack von einem Taschentuch und ist daher nicht mehr so meins. (Ciabatta geht!)
  • Backfisch ist köstlich. Besonders mit Remoulade.
  • Knuspriges Fett an Grillfleisch ist böse und man hätte es auch wegschneiden können.
  • Zwei Tüten (Protein-)Chips plus eine Packung (kalorienarme Raw-)Kekse am Abend (zuhause) hätte es nicht mehr gebraucht. Aber obiges Essen hat hungrig gemacht!

Insgesamt kamen ungefähr 2500 – 3000 Kalorien zusammen. Nachts war mir tatsächlich übel, ich denke mal, ich habe viel zu viel durcheinander gegessen. Und noch etwas hatte ich, was ich seit über einem Jahr nicht mehr hatte: Sodbrennen!

So ein Scheat Day ist auch nicht NUR schön!

Die wichtigste Erkenntnis allerding: Ich bin heute morgen nicht aufgewacht und hatte plötzlich wieder 45 Kilo mehr auf den Rippen! Und ich sehe auch keinen Grund, von meinem Programm abzuweichen und „jetzt ist eh schon egal“ zu denken. Irgendwas hat sich dann ja doch verändert.

Ich habe gestern übrigens auch wie Hölle gefroren!* Es war so kalt, dass ich bestimmt etliche Kalorien direkt weggezittert habe. Wie üblich habe ich mein Umfeld an meiner misslichen Lage teilhaben lassen (ich bin so der Mimimi-Typ, wenn es um Kälte geht). Der Chef des besten Ehemanns meinte dazu: Kein Wunder, wenn man die natürliche Schutzschicht abwirft.

Er hat mich über ein Jahr nicht gesehen und so darauf aufmerksam gemacht, dass er eine Veränderung wahrnimmt. Was mich immer wieder freut, weil ich selber ganz unsicher bin, ob man „das“ sieht.

Aber eine Frostbeule war ich schon immer. Mit oder ohne Schutzschicht. Ich bin nun mal eine Südpflanze und brauche noch ein paar Jahre, um mich hier zu aklimatisieren. Nur macht es mir der Norden nicht leicht:

„Und, was macht ihr so im Sommer?“
„Ach, an dem Tag wollten wir eigentlich Grillen.“

*ich hatte schon bessere Metaphern!