Wie läuft’s?

Es läuft. Oder eigentlich: Ich laufe. Auf und davon, weg, rückwärts und bergab, durch den Schlamm und vor allem rund.

2017-09-02 13.26.45

 

Die letzten Wochen ist es hier recht still gewesen. Das liegt ganz gewiss daran, dass ich kaum noch zuhause bin. Dafür darf ich jede zweite Woche in Mandalu verbringen. Mandalu ist die schöne, euphemistische und meiner geistigen Verfassung angemessene Bezeichnung für MAN-nheim, DA-rmstadt und (neu) LU-dwigshafen. Nach wie vor arbeite ich nämlich an dem Großprojekt meines Unternehmens und weil ich so unsagbar wichtig* bin, muss ich ständig in den Süden reisen. Mittlerweile fahre ich dank meines Arbeitgebers sogar schwarz:

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Mein Leben habe ich den neuen Umständen angepasst. Ich besitze mittlerweile viele ultrawichtige Dinge doppelt, z.B. meinen rotierenden Lockenstab und mein Laufequipment. Alles zusammen lebt, gemeinsam mit meinem Reisewasserkocher, in meinem fast gepackten Rollkoffer, der stets zur Abfahrt bereit steht. Ich kann meine Reisetage nicht immer planen, bisweilen entscheidet sich nur ein paar Tage im Voraus, wo ich die nächste Woche verbringen darf.

Nun ja. Man richtet sich ein. Diättechnisch bin ich gar nicht mehr dabei. Ich achte darauf, nicht mehr als meinen Tagesverbrauch an Kalorien zu verputzen und mache dazu viel, bisweilen sogar sehr viel Sport. Vor allem, wie eingangs erwähnt, laufe ich. Ich! Die ich in der Schule Laufen gehasst habe und auch dann über 20 Jahre nicht ansatzweise auf die Idee gekommen wäre, freiwillig damit anzufangen.

Aber warum hat mir auch keiner gesagt, was das Laufen mit einem macht! Ich hatte ja keine Ahnung! Es befreit! Es flowt! Es berauscht! Mein Kopf wird so wunderbar leer. Ich denke beim Laufen nie an meine problembehaftete Arbeit, ich denke sowas wie „oh, da schwimmt eine Ente“ oder „ah, ein Eichhörnchen“.  Laufen wirkt bei mir also mehr auf die Psyche als auf meine körperliche Verfassung. Darauf zwar auch, aber das ist quasi zu vernachlässigen (im Gegensatz zu Kraftsport). Tatsächlich habe ich meinen Körper anfangs viel zu viel zugemutet. Ich habe nämlich alles falsch gemacht.

Ich bin insgesamt zu lange gelaufen, geflasht vom geilen Gefühlt, der Hochstimmung und dann bin ich zum Ende hin auch immer schneller geworden statt gemütlich auszulaufen. Pausen habe ich kaum gemacht und auch nicht darauf geachtet, wie ich laufe. Die Folge waren fiese Shin-Splints, Schienbeinschmerzen.

Ich habe mich dann schlau gemacht und laufe jetzt nach Programm. Zudem habe ich eine Laufstilanalyse machen lassen und mir entsprechend passende Laufschuhe gekauft. Das hat mich nur ein kleines Vermögen in Höhe von ca. 175 Tafeln Schokolade gekostet.

Und weil ich ein mega Spielkind bin, habe ich mir dazu auch gleich eine neue Fitness-Uhr geholt, auf die ich diverse Lauf-Apps laden kann. (Der eigentliche Kaufgrund waren aber eher Gadgets wie das Schritt-Tetris, ich bin die älteste 12-jährige der Welt!):

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Eine Weile bin ich täglich gelaufen und habe gar keinen anderen Sport mehr gemacht. Das hatte interessante Auswirkungen: Meine erste Kraftsport-Session nach dem Ausflug in die Cardio-Welt war ein Desaster! Mit einer Ausnahme. Alles, was mit den Beinen zu tun hat, fällt mir aktuell deutlich leichter: Squats, Lunges usw. (in Altdeutsch: Kniebeugen und Ausfallschritte).

Dennoch: Laufen ist für den Spaß, für den Flow, zum Abschalten. Eigengewichtübungen, Freeletics, HIIT, Jilians Workouts sind (für mich) der echte Sport (mit sinnvollem Aua).

Da mit zunehmender Dunkelheit am Abend der Laufsport für mich nicht mehr ausübbar sein wird, überlege ich aktuell Alternativen. Ich liebäugle mit einer Anmeldung im Fitness-Studio, da es dort ja auch Laufbänder gibt. Ich könnte also Gewicht- und Lauftraining verbinden.

Btw: Schwimmen ist auch wieder im Programm. Ich habe ja noch den hässlichen Badeanzug, den ich mir Anfang des Jahres gekauft habe. Leider kann ich ihn mittlerweile bis zu den Knie runterziehen, aber egal. ich trage ihn ja nur in Mandalu. Da kennt mich keiner.

So long. Ganz so schlimm sind meine Eskapaden wohl nicht. Jedenfalls kann ich mit dem „Nachher“ im Vergleich zum „Vorher“ ganz gut leben.

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*oder einfach der Depp

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Busenfeinde

Ich habe Busenfeinde. Genaugenommen – auch wenn ich jetzt den Spannungsbogen schreddere: ich HATTE Busenfeinde. Jetzt bin ich sie los. Dank des besten Ehemanns und einer Musicaldarstellerin.

Die meisten Frauen haben übrigens Busenfeinde. Du vermutlich auch, wenn du eine Frau bist. Und ganz besonders, wenn du keine Normfrau bist. Normfrauen sind die 0,0001 % der weiblichen Weltbevölkerung, die z.B. maßgeblich dafür verantwortlich sind, dass wir pinke Autos fahren sollen, die zwar kaum PS, dafür aber Schminkspiegel verbaut haben. Normfrauen sorgen auch für die Dosierung von Medikamenten, die uns Nichtnormfrauen fett und pickelig werden lassen und für Feinstrumpfhosen, die in Größe 40 nur bis zu den Knien hochzuziehen sind. Außerdem verdanken wir ihnen den Anti-Pups-Joghurt, den wir anscheinend täglich essen müssen, um nicht wie ein Ballon davon zu fliegen.

Normfrauen bescheren uns zudem Busenfeinde. Du ahnst es schon. Ich rede von BHs. Genauer von BH-Größen. Der Normfrau-BH reicht von 75 B bis 85 D und passt damit so ziemlich genau nur Normfrauen. Die Restfrauen glauben, in Normfrauen-BHs zu passen und ignorieren Doppelbrüste, Rückenschmerzen, Wackelpudding, rutschende Träger, Falten, Hängebrüste und Atemnot.

Angeblich tragen 60 – 70% der Frauen die falsche BH-Größe. Und das ist kein Wunder, denn wenn man keine Normfrauenmaße hat – so wie ich – sind die Größenvorschläge, die Wäscheberater so ausgeben, wirklich verwirrend. Ich trage z.B. laut verschiedener Rechner folgende Größen: 85 A, 75 B, 70 F, 32 F, 80/90, 70 G, 65 G, 65 J.

Die Kennerin sieht sofort, dass ich damit echt gute Chancen habe, in einem normalen Geschäft einen passenden BH zu finden.

Durch die Abnahme ist mein Busen stark geschrumpft, von 105 cm Unterbrustumfang und 128 cm Brustumfang auf 72 cm / 89 cm. Viel mehr wird da jetzt nicht mehr verschwinden. Also dachte ich, kann ich mir ja mal einen BH kaufen, der mein „Ist-ja-nur-für-kurze-Zeit“-Budget von 10 Euro überschreitet.

Auf diesen Gedanken kam ich aber nicht alleine. Alle Standard-BHs, die ich nämlich so getragen habe, waren im Grunde total überflüssig, weil sie überhaupt nichts gehalten haben. Ich vermeide das Wort HÄNGEN. Auch gedanklich! Darauf angesprochen hat mich dann aber mein lebensmüder, jedoch mutiger Ehemann, der oftmals Worte ausspricht, die am „Formulier das um Himmels Willen anders“ – Filter irgendwie vorbeiflutschen.

Ein paar Tage später wagte ich mich also – ohne Ehemann – in ein Wäschegeschäft, das mit ungewöhnlichen Größen wirbt. Dort hat mich dann besagte Musicaldarstellerin vermessen und mir Größe 65 G – 70 H empfohlen. Sie hat mir ein paar BHs in diesen Größen rausgesucht und ich durfte anprobieren. Kaum hatte ich den ersten an, passierte genau das, was ich befürchtet habe und weshalb ich früher nie in solche Geschäfte gegangen bin. Ich hatte nur vergessen, warum.

RATSCH – sie reißt den Vorhang auf und beäugt mich mit skeptischem Blick.  Leute, ich bin nicht gerade Frau Selbstsicher, was meine neue Optik angeht. Schon gleich gar nicht halbnackt!

Natürlich ist sie ganz professionell und erklärt mir – am Anschauungsobjekt Katja – warum das Unterbrustband wirklich straff sitzen soll (es trägt 80% der Last!) und welche Form der Körbchen für mich geeignet sei.

Nach dem ersten Schock und den Sekunden, die ich brauchte, um über das Gefummel einer fremden Frau an meinen Brüsten hinwegzukommen, bin ich ziemlich erstaunt. Ich habe plötzlich ein Dekolleté und alles sitzt fest. Mein Busen ist quasi gefühlt 20 cm höher und sitzt jetzt knapp unter dem Kinn. Und das ist nur leicht übertrieben.

Ich darf noch andere Modelle probieren. Für das Umziehen von BH zu BH gönnt die Königin der Löwen mir dabei jeweils 3 Sekunden Privatsphäre, bevor sie wieder den Vorhang aufreißt und ich mit Schnappatmung hilflos versuche, meine Blößen irgendwie zu verstecken. Nach dem dritten Modell kann ich verdammt schnell einen BH an und ausziehen! Selbst die Musicaldarstellerin ist beeindruckt: „Wow, sie können den aber schnell schließen – ich habe bestimmt 10 Jahre gebraucht, bis ich das so blind geschafft habe!“

Sagt die 20-jährige Sissi. Ich verpasse den Alterskonter, weil ich mich fasziniert im Spiegel betrachte und selbstverliebt an meinem Busen rumgrabsche.

Ich ziehe mein Oberteil drüber und latsche im Laden rum. Zum Glück bin ich alleine, denn ich mache Ausfallschritte, Kniebeugen, ich gehe wie Quasimodo, wackle wie Josephine Baker und berühre dann meine Zehen. Also ganz so, wie ich mich im Alltag bewege… Dazwischen fummle ich an meinen Brüste rum und bin ganz begeistert, wie fest und voll die sich anfühlen. Zum Glück ist es draußen schon leer, kaum Passanten – die würden mich ja für voll bekloppt halten, denke ich, während ich voll bekloppt Hampelmänner hüpfe.

Das Phantom der Oper bleibt ganz cool und entpuppt sich als super nett. Wir quatschen über BH-Farben und Klebe-BHs, die sie auf der Bühne tragen musste und die immer zum Hals hoch gerutscht sind. Ihre Verkaufsstrategie geht jedenfalls auf. Ich lasse einen dreistelligen Betrag da und nehme dafür zwei BHs mit.

Ich bin glücklich, der Mann ist glücklich, der Starlight Express ist glücklich. Unser Konto nicht so. Und meine Busenfeinde auch nicht. „Lass sie uns zerschneiden und verbrennen!“ sagt der beste Ehemann.

Ich betatsche stolz meinen Busen* und nicke.

* ich arbeite daran, mir das abzugewöhnen – vor allem in der Öffentlichkeit.

ES läuft!

Ich bin noch da. Irgendwie. Aber eigentlich bin ich ziemlich viel weg. Das liegt daran, dass mein Arbeitgeber gerade ein richtig, richtig großes Softwareprojekt umsetzt und ich maßgeblich an der Einführung beteiligt bin. So nebenbei bin ich studienortübergreifend nämlich auch im QM tätig.

Übersetzt heißt das, dass ich momentan und bis auf weiteres quasi wöchentlich zwischen Hamburg, Darmstadt, Mannheim und Heidelberg hin- und herpendle. Es heißt leider auch, dass es mir aktuell recht schwer fällt, ein großes Kaloriendefizit zu fahren. Dazu bin ich leider zu sehr Stress-Esser. Und nicht nur das Reisen bzw. das Projekt knappst an meinen Ressourcen, ich schreibe im September auch noch eine Klausur, für die ich Lernen sollte. Ein Glück, dass wir wenigstens gerade in Spanisch ferienbedingt pausieren.

Ich versuche, so gut es geht unter 1800 kcal zu bleiben. Das gelingt mir auch ganz gut soweit. Zusätzlich treibe ich fast jeden Tag Sport. Und ich kann gar nicht aufhören, darauf ein Loblied zu singen!

Ich L I E B E Sport!

Ich sehe die Resultate, ich spüre sie, ich fühle mich fit, ich schlafe trotz Stress gut, ich bin leistungsfähig, ich kann Stress abbauen und selbst wenn ich mich japsend, schweißtriefend und ausgepowert auf das Hotelbett werfe, fühle ich mich mit einem Mal total entspannt und sehr wohl.

Für jede/n Abnehmwillige/n da draußen: Sport hilft!

Besonders stolz bin ich, dass ich am 1.7.2017 tatsächlich mein erstes Rennen gelaufen bin – und wohlbehalten im Ziel ankam, trotz Regenguss! Ich war patschnass!
Auf dem Gruppenfoto habe ich mich erst einmal gar nicht gefunden. Ein Glück, dass ich meine rosa Glitzerschuhe anhatte.

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Auf dem Weg nach Hause – mit einem Umweg über ein Shopping-Center, inzwischen wieder trocken und mit dem blauen Finisher-T-Shirt am Leib, wurde mir mit einem Mal bewusst, was das eigentlich bedeutete. Ich bin bei einem Rennen mit gelaufen! Ich! Frau Ü100! Halt – ich bin ja gar nicht mehr Ü100! Seit über einem Jahr nicht mehr! Ich bin normalgewichtig! Ich trage Größe 36/38! Ich kann wieder schmerzfrei gehen! Ich kann sogar laufen! LAUFEN! ICH!!!

Und dann liefen mir plötzlich die Augen voller Tränen und kullerten an meinen Wangen runter. Auf der Rolltreppe im Shopping-Center stand ich da und heulte. Und als ich zuhause ankam und dem besten Ehemann in die Arme fiel, heulte ich weiter.

Weil ich so unglaublich glücklich war.

War was in Hamburg?

Nun hat Hamburg den Gipfel also hinter sich gebracht. Die Scherben sind zusammengefegt, der Schaden bleibt.

Ich hatte Glück, denn ich wohne weder in der Elbchaussee noch im Schanzenviertel und ein Auto besitze ich nicht. Wohl aber einen Arbeitsplatz, der heute zum Glück noch vorhanden ist, weil er nicht von plündernden Idioten angezündet und zerstört wurde.

Zerstört wurden aber einige meiner Ideale und ohne es zu wollen bin ich mit einem Mal in ein politisches Vakuum katapultiert worden.

Aber nicht nur mir geht es so, ganz Hamburg redet in diesen Tagen nicht etwa über Politik, sondern über enthemmte Jugendliche bzw. erlebnisorientierte Menschen, die am Wochenende medienwirksame Action in der Hansestadt suchten. Einige bezeichnen sich selbst auch als zugehörig zum „schwarzen Block“, die Politik spricht von Linksextremisten, Hamburg nennt sie pragmatisch „Idioten“, „Arschlöcher“, „Vollpfosten“.

Ob es unter denen auch welche gab, die wirklich eine (politische) Botschaft transportieren wollten? Wenn ja, welche?

  • Gewalt ist voll ok, wenn sie gegen Sachen geht! (Außer gegen die eigenen!)
  • Wenn du unsere Plünderungen und unsere Zerstörungswut doof findest, bist du für Kapitalismus und findest Trump toll!*
  • Autos anzünden ist gut gegen den Klimawandel!
  • Und unterstützt die unter dem VW-Skandal leidende Autoindustrie!
  • Stadt-Fahrräder zerstören sorgt für mehr Bewegung in der Bevölkerung!
  • Mal gucken, wie schnell die Feuerwehr nach 48 Stunden Dauereinsatz noch ein Feuer löschen kann!
  • Du kennst dein Limit nicht? Jetzt ja, Sanitäter.
  • Uns tut das doch auch weh, wir machen das nur für dich!
  • Wir können Menschen genauso gut verschrecken wie Erdogan und Putin, wenn die das sehen, geben die bestimmt klein bei, weil wir den Größeren haben!
  • Die Polizei braucht nach so doofen Aktionen wie Stuttgart 21 usw. dringend Rückhalt in der Bevölkerung – schaffen wir!
  • Links ist das neue rechts!
  • Wir produzieren eine solidarische Gesellschaft! Oder wer hat für den Aufräum-Event in der Schanze gesorgt?
  • Ich bin Glaser.
  • Jetzt kann Rewe mal zeigen, wie sie jeden Tag ein bisschen besser werden!
  • Braune Hemden waren gestern, heute trägt man schwarze Hoodies!
  • Kein Arsch braucht sich für die Inhalte bei G20 zu interessieren – guck mal lieber, hier stehe ich in Siegerpose vor den Flammen, cool, wie ich es dem Staat zeige, nä?
  • Es gibt Rückhalt für linke Ideen in der Bevölkerung? Haha, nicht mehr lange!
  • Gemeinsam schaffen wir es, Putin, Erdogan und Trump nicht mehr ganz so schlecht aussehen zu lassen!
  • Was hast du denn gedacht, was Welcome to Hell bedeutet?
  • Ihr wollt noch mehr Überwachung? Kein Problem, wir kümmern uns!
  • Einfältiger pazifistischer Bürger, du hast die längste Zeit Lust gehabt, auf einer Demo abzuhängen!
  • Flieg, Stein, flieg…
  • What’s the name of this city?
  • Kapitalismus ist mal voll scheiße, oh warte, da hinten haben sie gerade einen Apple Store aufgeknackt!
  • Wie, G20 hat was mit Politik zu tun?
  • Das waren erfolgreiche Tage! (Originalzitat von der Website g20tohell, die ich hier nicht verlinken möchte)

*wahrscheinlich isst du sogar Fleisch!

Frau Quijote und die Windmühlen

Die letzten Wochen war ich immer mal wieder beruflich unterwegs, weshalb ich mich hier ein wenig rar gemacht habe. Dazu kam, dass die Arbeit am Heimatort dummerweise nicht weniger wurde. Wer hätte das gedacht…

Aus irgendeinem verrückten Grund bin ich nämlich Frau Wichtig – oder, wie ich mich gerne und meiner Meinung nach treffender nennen möchte: Frau Quijote. Es gibt nämlich gewisse Ähnlichkeiten. Gut, ich bin kein adeliger Mann aus Spanien und habe auch keinen Diener und womöglich bin ich auch eher Rosinante, der Gaul (aber ein dürrer, wohlgemerkt! – naja, also auch nicht der Gaul).

Auf jeden Fall habe ich einen Hau in der Birne, wie eben jener berühmte Hidalgo aus „irgendwo in Spanien“. Ich kämpfe andauernd gegen Windmühlen und aus mir nicht bekannten Gründen, muss ich ständig über irgendwelche Hürden hüpfen. Da ist etwas, das mir Stress verursachen könnte? Her damit!

Heute habe ich gelernt, dass es tatsächlich „solche Menschen“ gibt, also die, die Stress suchen und ihn als Herausforderungen sehen. Challenges, wie ich das gerne hier und auch sonst nenne. Stress, der gute jedenfalls, scheint mir irgendwie etwas zu bedeuten.

Neben meinen zwei Tätigkeiten in der Leitung und im QM studiere ich nämlich auch noch. Warum? Weil ich Bock dazu habe und aus mir nicht bekannten Gründen nicht anders kann. Ich könnte in meinem schon ein paar Jahrzehnte andauernden Leben die Jahre an meinen Händen abzählen, in denen ich nicht auf einer Schule oder Universität oder sonstigen Akademie war und irgendetwas versucht habe zu lernen.

Und weil mir womöglich in den zwei Minuten Freizeit pro Woche langweilig werden könnte, habe ich im Oktober vergangenen Jahres angefangen, Spanisch zu lernen. Weil.

Ja. Weil. Irgendwann, vor 20 Jahren, zwischen meinem (abgebrochenem) Erst- , (abgebrochenem) Zweit- und vor dem Drittstudium (done), hatte ich als Nebenfach mal zwei Semester Spanisch studiert. Hängen geblieben ist in etwa „¡Hola! Una cerveza… „. Achja, „¡por favor!„, ich bin ja ein höflicher Mensch. Und nun bieten wir bei mir an der Akademie Spanisch an und da dachte ich, _HALT_ ich dachte eigentlich gar nicht, ich hab es einfach gemacht und mich in den FORTGESCHRITTENEN-Kurs gesetzt. Weil, Anfänger wäre ja zu WENIG stressig…

Nun sitze ich da und wusste bis vor kurzem gar nicht, warum ich eigentlich diese Sprache lerne. Im Kurs radebreche ich rum, verwechsle ständig Spanisch mit Französisch (das ich btw gar nicht so gut kann) und es fallen mir die Wörter grundsätzlich in ALLEN anderen Sprachen ein, nur nicht in dem verdammten Spanisch. Hört sich jetzt so an, als könnte ich wahnsinnig viele Sprachen. NEIN, ich kann nur in wahnsinnig vielen Sprachen ein Bier bestellen! Oder einen Aschenbecher.

Und dabei trinke und rauche ich noch nicht einmal.

Ich erinnere an dieser Stelle an Don Quijote.

Dabei bin ich womöglich eher ein Salvatore wie im „Namen der Rose“, ein armer Teufel, der alle möglichen Sprachen irgendwie spricht, aber keine so richtig.

Aber warum lerne ich nun zum zweiten Mal Spanisch? Bis auf entfernteste Ahnen habe ich gar keinen Bezug zu diesem Land. Ich war da nie, wollte da nie hin, fand es eigentlich nicht sonderlich attraktiv und die Sprache gefällt mir gar nicht so sehr. Da hätte ich lieber Polnisch lernen wollen, das mag ich von der Melodie viel lieber (und das Land wäre auch näher).

Als ich die Tage so am Balkon saß und in meinem Spanischbuch rumblätterte, habe ich mir zum ersten Mal die große Karte von Spanien auf den Einbandinnenseiten angeguckt. Und dann erinnerte ich mich, dass ich tatsächlich doch schon mal in Spanien war. Ich erinnere mich an einen Stier aus Pappe, der immer mal wieder am Straßenrand zu sehen war, ich erinnere mich an Blumen und grünes Wasser. Stellt sich raus, der Stier war Werbung für Veterano Osborn und die Blumen und das grüne Wasser waren in einem Garten in der Alhambra. Man merkt schon, was mich beeindruckt hat und was hängen blieb. Dumm nur, dass ich da erst drei Jahre alt war.

Und als ich die Karte so betrachte und das grüne Wasser vor mir sehe, kommt mir eine wahnwitzige Idee. Jetzt, wo ich verdammt gut ein Bier auf Spanisch bestellen kann (und einen Aschenbecher!), könnte ich da ja mal echt hinfahren! Mit dem Ehegatten! Einfach so!

Und wenn ich mit Spanisch durch bin, lerne ich dann, ein Bier auf Chinesisch zu bestellen.

Nach China wollte ich nämlich schon immer mal.