Berlin arschkalt und ohne Leiche

Ich war diese Woche ein paar Tage in Berlin. Baalin, wie mein dortiger Kollege zu sagen pflegt. Wieder Mal beruflich unterwegs also, aber ich muss zugeben, dass ich lieber in die Hauptstadt als in den Süden der Republik fahre. Das liegt sicher daran, dass besagter Berliner Kollege mein absoluter Lieblingskollege ist, aber es hat auch damit zu tun, dass ich eine gewisse Zuneigung zu Berlin verspüre. In meinem Umfeld bin ich damit auf weiter Flur allein. Dort kursieren böse Annahmen und Vorurteile der Stadt und besonders den Bewohnern gegenüber. Vielleicht hatte ich bisher einfach Glück, die Berliner Schnauze finde ich jedenfalls charmant. Und ich wurde in Berlin auch immer sehr freundlich behandelt.

Wie auch immer. Meine Reise begann damit, dass die Bahn sie zunächst einmal nicht beginnen lassen wollte und den entsprechenden Zug ausfallen ließ. Aber das war nur die erste Überraschung des Tages.

Als ich dann doch in Berlin ankam, war es arschkalt. Und ich meine ARSCHKALT! Und ich natürlich überhaupt nicht darauf eingestellt. Und so durfte ich zum ersten Mal in meinem Leben beobachten, dass meine Finger in der Kälte blau wurden! Ich dachte immer, dass sei so eine Groschenroman-Klischee-Metapher: blau gefrorene Hände. Aber, Leute, das gibt es wirklich! Ich hätte gerne ein Foto gemacht, aber ich konnte das Handy nicht bedienen, weil die Finger nicht nur farbig, sondern auch steif waren!

Dass es überhaupt so weit kam, hatte auch damit zu tun, dass ich etwas irrwegig mein Hotel suchte. Friedrichsstraße rauf (oder runter), über die Spree und dann links. Cool. Der dritte Planet von der Sonne aus. So in etwa.

Im Hotel angekommen konnte ich kaum das Anmeldeformular unterzeichnen, die Finger waren nämlich noch nicht aufgetaut. In Anlehnung an meinen Nachnamen sah meine Unterschrift aus wie „Kacke“, geschrieben von einem Erstklässler mit gebrochenen Händen. Wie auch immer, es wurde akzeptiert und ich bekam meine Karte.

Vor dem Zimmer angekommen war ich schon etwas irritiert, dass da ein „Do not disturb“-Schild an der Klinke hing. Mein Karma wieder! Vorausschauend! Ich öffne also die Türe und erlebte die zweite Überraschung. Es bot sich nämlich folgender Anblick: Das Bettzeug war zerknüllt, der Mülleimer überfüllt, am Schreibtisch lagen Papiere. Die Badezimmertür rechts von mir war geöffnet und gebrauchte Handtücher lagen auf dem Boden.

In Bruchteilen von Sekunden schoss mir durch den Kopf:

  • Erster Gedanke: Aaaah, falsches Zimmer! Da wohnt noch einer!
  • Zweiter Gedanke: Verdammt, mein Zimmer ist noch nicht fertig.
  • Dritter Gedanke: Oh Gott, zum Glück habe ich keine Leiche gefunden!

Ich machte mich also auf den Weg zurück zur Rezeption. Im Geiste spielte ich schon Rechtfertigungsdialoge durch. Warum nur fühle ich mich immer schuldig, wenn ich eigentlich sauer sein müsste? Ich kam mir jedenfalls wieder mal so vor, als würde ich Umstände machen (was ich auch tat). Aber im Grunde haben die ja mir Umstände gemacht!

Egal, an der Rezeption erlebte ich meine dritte Überraschung. In Angriffsstimmung mit Schnappatmung erklärte ich, dass mein Zimmer nicht fertig sei.

Eine Sekunde Pause beim Rezeptionisten.

Dann: Kein Problem, Frau Kacke*, wir upgraden Sie als Entschuldigung. Sie bekommen sofort ein größeres Zimmer mit Balkon. Entschuldigen Sie bitte die Unannehmlichkeiten!

Das kam so plötzlich und unerwartet, dass es mir allen Wind aus den Segeln nahm und ich nur zu einem „öhm, danke“ im Stande war. Zusätzlich bekam ich auch noch einen Begleiter, der mir den Koffer trug (bzw. schob, er hat ja Rollen), mir schon im Fahrstuhl von dem neuen Zimmer vorschwärmte und es mir dann aufschloss mit den Worten: „Sie werden gleich sehen, das ist doppelt so groß!“ 

Er wartete meine zustimmende Überraschung ab und ließ mich dann allein. In meinem neuen Zimmer mit Balkon mit Blick auf die Dächer Berlins und die Charité. Letzteres sehr passend, weil ich abends die gleichnamige Serie gucken wollte.

Das tat ich dann auch. Allerdings während ich im 9. Stock in der sogenannten Feel-Good-Area völlig alleine auf dem Laufband joggte.

Deshalb buche ich so gerne Hotels mit Fitness-Bereich. Da ist nie jemand. Nie! Und ich habe Gelegenheit, die Geräte dort auszuprobieren ohne mich zum Affen zu machen. In diesem Hotel war der Raum noch dazu verspiegelt! Das war hervorragend, weil ich so beobachten konnte, wie ich eigentlich laufe!** Und es gab auch Bodenmatten, auf denen ich dann mal Liegestützt und Sit-Ups gemacht habe und dabei mein Spiegelbild unter die Lupe nahm. Sehr hilfreich!***

Ich war übrigens nicht ganz alleine. Ich lief mit Blick auf die Fensterfront. Gegenüber arbeitete ein armer Kerl einsam in einem Konferenzraum. Ich muss zugegen, dass ich ein wenig Schadenfreude empfand.****

*Vielleicht hat er auch meinen richtigen Namen gesagt.
**Wie eine lahme Ente!
***Oh Gott, ich habe immer noch voll die Wampe!
****Aber auch nur, weil es sonst immer umgekehrt ist.

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Ein ganz normaler Tag

Gestern Abend, gerade als ich meinen Rechner runterfahren wollte, bekam ich eine Mail unserer Studienberaterin im Bereich Sozialpädagogik, in etwa mit diesem Wortlaut:

Hallo liebe K, morgen früh kommt ein Kamerateam vom ZDF und filmt John (Student). Keine Panik, nur beim Rein- und Rausgehen. LG Studienberaterin.

PS: Ich bin morgen auswärts auf einem Termin.

Solche Mails sind natürlich super. Aber kein Grund zur Panik. Wir sind einiges gewöhnt. Und mit wir meine ich mich.

Außerdem, die Mail klingt beruhigend. Und so ein paar Stunden vorher Bescheid zu wissen, ist schon mal nicht schlecht. Ein Tag quasi ist ja schon eine gute Vorlaufzeit. Da kann man sich noch vorbereiten. Gut, dass wir unsere Räume gerade ein wenig umgestalten und u.a. noch einen entwurzelten, schon etwas angetrockneten Baum im Aufenthaltsbereich stehen haben, aber egal. Wie meine liebste Studienberaterin schreibt, das wird sich unten vor der Tür abspielen, das kriegen wir also wahrscheinlich gar nicht richtig mit.

Der Tag beginnt und ich entscheide mich morgens gegen meine geliebten Glitzersneakers, die Fu**ing-destroyed-Jeans und das Schlabbersweatshirt. Stattdessen ziehe ich meinen Burlingtonpulli, eine graue Hose und  seriöse Lederstiefeletten an. Falls meine Füße gefilmt werden sollten. Wie sähe das aus, wenn die Füße der Kanzlerin glitzern. Die Kanzlerin, das bin ich. Also in Uni-Sprech.

Kaum auf Arbeit schiebe ich mit einer Kollegin den Baum in das Büro der besagten Studienberaterin. „Hoffentlich kommen die nicht auf die Idee, dieses Büro zu filmen,“ denke ich besorgt und wische Laub von meiner seriösen Kleidung.

Dann kümmere ich mich erst einmal um unseren neuen Dozenten, Dr. Neu. Um mich herum tobt nämlich schon das Chaos. Studenten strömen ins Gebäude, quatschen, lärmen und sind gut gelaunt. Klar, Semesterstart! Dr. Neu ist zwar ein alter Hase, aber trotzdem, heute ist sein erster Tag. Und wir wollen einen guten Eindruck machen. Er ist ein bisschen aufgeregt. Aber Frau Kanzlerin meistert das mit Charme und Freundlichkeit, nimmt Dr. Neu ein bisschen Nervosität und überlässt ihn dann eiskalt seinem Schicksal (aka Horde Studis! Erster Tag! Ahahaha!).

Und mit einem Mal, Ruhe. Wie wunderbar. Jetzt erst einmal ein Kaffee. Die Senseo neben meinem Schreibtisch brummt heimelig, da kommt die Sekretärin mit einem düsteren Gesichtsausdruck ins Büro: „Das Fernsehen ist da.“ Es klingt wie: „Der Abdecker ist da.“

Und: „Du hast da was im Haar.“ Sie klaubt ein Blatt aus meiner seriösen Frisur (DUTT!).

Ich verdrehe die Augen, werfe einen traurigen Blick auf den dampfenden Kaffee, schalte auf Lächeln um und eile John und dem Fernsehteam entgegen. Nach allseitigem Hallo erfahre ich, dass sie John gerne live im Unterricht filmen wollen. Aja. Super. John hat heute keinen Unterricht. Wir haben heute noch nicht mal Sozialpädagogik im Haus, nur BWL. „Ok“, sage ich, „ich regle das.“ John guckt gequält.

Ein Blick auf den Stundenplan verrät mir, dass gerade zwei Vorlesungen statt finden: Präsentation und Moderation sowie Bilanzierung. Ich entscheide mich aus dem Bauch heraus für Bilanzierung (eine vage Erinnerung an beispielhafte Trauerreden und Sprechübungen in verschiedenen Oktaven drängt mich zur Entscheidung gegen Präsentation und Moderation). Ich entscheide mich damit auch für Dr. Neu. Cool. Wäre doch ein klasse Einstand, oder? Hat man nicht alle Tage am ersten Arbeitstag in einer neuen Hochschule und in der ersten Vorlesung, das ZDF!

Ich klopfe also zaghaft, öffne und hüstle ein „Tschuldigung, Dr. Neu, ich müsste mal.“ Boah! Ich bin echt so die Wortkünstlerin! Gekicher.

Ich, nun etwas sonorer: „Tja, also das Fernsehen ist da.“ Dr. Neu guckt mich mit großen Augen an. Ich wette, er fragt sich gerade, ob das bei uns immer so ist. Ich wünschte, ich könnte ihn beruhigen.

Ich stelle mich aber der Herausforderung und führe aus: „Naja, also da ist ein Team vom ZDF und die wollen einen Studenten aus der Sozialpädagogik filmen, John. Wegen Gewalt im Sport.“ Ein Raunen geht durch den Raum. Leute, ich hab das echt drauf mit den Formulierungen!

Ich sehe die etwas fragenden Blicke und es kommt auch bei mir an, was ich da eigentlich erzähle. Ich sage: „Moment!“ Und hole John. „Bitte erklären Sie denen, warum Sie hier gefilmt werden.“ Er guckt noch gequälter. Dann stellt er sich vor die Gruppe und sagt: „Es geht um Gewaltprävention im Sport.“ Ach verdammt, DAS war’s!

Hinter ihm drängt sich schon das Team in den Raum. „Seien Sie einfach ganz natürlich“, sagt der Redakteur. „Wir wollen John in Action filmen.“ Entsetzen. „Machen Sie einfach den Unterricht weiter, als wären wir gar nicht da.“ Die ersten jungen Damen greifen zum Smartphone, um ihre optische Erscheinung in der spiegelnden Oberfläche zu kontrollieren. Ich habe eine vage Vermutung, wie der Kurs aussähe, hätte ich gestern das Team vom ZDF angekündigt. Wenn etwas passt, dann wenigstens das Natürliche: Verschlafene Studenten in bequemen Klamotten und mit Zauselfrisuren. Unvermittelt greife ich an meinen Dutt und wippe mit meinen Stiefeletten auf und ab.

John jedenfalls muss sich in die erste Reihe setzen und protestiert: „Ja, aber das ist doch gar nicht authentisch! Kein normaler Student hockt sich in die erste Reihe!“ Wie recht er hat. Mitleid regt sich in mir.

Er beugt sich jedoch dem Druck und nimmt zwischen zwei Studentinnen Platz. Die linke schiebt ihm ein Spongebob-Federmäppchen hin, die rechte ein Blatt Papier. Damit es so aussieht, als wäre er ein echter Student. Was er ja auch ist. Aber halt nur in der falschen Vorlesung, am falschen Tag im falschen Studiengang und falschen Semester. Kleinigkeiten. Ich spreche es aus: „So ganz echt ist das dann aber nicht.“ Der Redakteur strahlt mich an: „Ach, Sie wissen doch. Fernsehen lügt immer.“

Dr. Neu nimmt mich zur Seite und zischt: „Dafür schulden Sie mir aber einen Prosecco!“ Ich nicke nur stumm. Dem ZDF erklärt er: „Ich möchte aber bitte nicht direkt gefilmt werden.“ „Ach, wir machen das schon,“ sagt der Redakteur und der Kameramann richtet die Kamera auf Dr. Neu aus. „Können Sie den Beamer ausmachen, der blendet!“

Ich beruhige Dr. Neu: „Keine Sorge, das ist das ZDF, das guckt doch kein Mensch mehr!“ und frage verstohlen einige Studis, ob sie die Sendung überhaupt schon mal gesehen haben, in der die Reportage kommen soll. Ach so. Ist die Sport-Reportage. Außer mir scheint das jeder zu kennen. Ich wage nicht, Dr. Neu anzugucken.

Ich frage das ZDF, ob ich Fotos für unsere Facebook-Seite machen darf. Das ZDF nickt und strahlt mich an. Ich weise eine Mitarbeiterin an, Fotos für die Facebook-Seite zu machen, weil es mir selbst total peinlich ist. Ihr auch. Aber sie macht tapfer Bilder von John, dem ZDF und dem Spongebob-Mäppchen. Gott bin ich froh, dass ich die Chefin bin.

Ein Mitglied des Kamerateams rückt inzwischen die Tische um. Ich verlasse den Raum und atme im Flur ein paar mal durch. Mein Rücken juckt. Ich ziehe einen kleinen Ast aus dem Burlingtonpulli und fluche leise.

Ein paar Minuten später steht der Redakteur im Raum und fragt mich, ob wir unseren BWL-Studis eigentlich auch so etwas wie Moral beibrächten, so wegen VW und den ganzen Skandalen. Ich frage mich, was „so etwas wie“ Moral wohl sein könnte. „Natürlich“, sage ich entrüstet. Nicht nur das Fernsehen lügt. Er lacht. Seine Zähne sind so weiß wie das Gesicht von Dr. Neu, der hinter ihm im Türrahmen steht. „BWLer und Juristen, die schlimmste Pest!“ Er weiß nicht, dass er zwischen einem BWLer und einer Juristin steht.

Ich gucke Dr. Neu an. „Sie kündigen doch nicht gleich wieder, oder?“ frage ich besorgt. Er seufzt.

Ich denke an den Baum im Büro meiner Studienberaterin, an das ZDF, die überrumpelten Studis, meine Glitzerschuhe und seufze auch.

Und das war erst der Vormittag.

Papperlateau

Momentan plateauniere ich. Bedeutet, dass mein Gewicht – wieder mal – seit MONATEN WOCHEN 11 Tagen minimale Ausschläge anzeigt, meist nach oben. Es bewegt sich nicht so richtig in die angestrebte Richtung. Also nach unten. Laut einer meiner zahlreichen Gewichtsapps sollte ich am 9. März 64 kg wiegen. Ahahahahaha! Das wird sportlich! Oder blutig, wenn ich mir den nutzlosen linken Arm abhacke. Oder den Kopf. Aber der wiegt wahrscheinlich keine 11 kg. Wobei, mein GEHIRN!! -Ha, allein das müsste ja schon TONNEN wiegen. Jedenfalls fühlt es sich momentan so an. Seufz.

Ich kann mir schon denken, was mir das Plateau beschert. Das schlimmste Übel meiner Tätigkeit nämlich. MENSCHEN! Schlimmer, Mitarbeitermenschen! Menschen = Rumgenerve = Stress = erhöhter Cortisolspiegel = Plateau! Das muss es sein!

Ich mag ja meinen Job ganz gerne, aber das Personalgedöhns macht mich echt noch fertig. Ist der eine zufrieden gestellt, kommt der nächste an und jammert. Der dritte flippt plötzlich aus und der vierte will irgendwas. Im Zweifel Geld. Und ich soll entscheiden. Denn ich bin die Chefin.

Manchmal fühle ich mich aber eher wie die Mami von einem ganzen Haufen verhaltensauffälliger Kinder.

Dabei ist das Verwaltungspersonal noch einigermaßen pragmatisch und handelt auch – bis auf ein paar Ausnahmen – rational und logisch (also für mich nachvollziehbar). Aber schauen wir in die Wissenschaft! Dozentinnen und Dozenten, Doktoren, Professoren! Ich habe auch mit diesem Klientel zu tun.

Promotionen bewirken z.B. bei vielen Menschen eine interessante Namenserweiterung. Wir haben im Laufe der Zeit eine auffällige Korrelation zwischen Dr.-Titel und dem plötzlichen Auftauchen von Mittelnamen festgestellt. Aus einem Dr. Franz Meier wird also plötzlich ein Dr. F. P. Meier. Mehr Namen = Wichtiger! Und es wirkt auch viel würdevoller und wohlklingender. Bedeutende Menschen haben immer Mittelnamen! JFK, JK Rowling, sogar Donald Trump hat ja nun auch ein J. DJ Trump sozusagen.

Ist es noch relativ unproblematisch, den Mittelnamen zu vergessen, hat es dramatische Folgen, wenn man den Titel versehentlich weglässt! Nicht auszudenken, auf was für einen gefährlichen Krieg um Buchstaben  man sich da einlässt!

Frau Andermann schreibt an Frau Dr. Zett eine E-Mail und begeht den unverzeihlichen Fehler, sie mit Frau Zett anzusprechen. Reaktion: Sehr geehrte Frau Dermann, wenn Sie die Unverschämtheit besitzen, zwei Buchstaben weglassen, mache ich das jetzt auch!

Kein Witz. So passiert. Es ist wirklich wie im Kindergarten.

Eine Berufung zum Professor oder zur Professorin führt übrigens unweigerlich zum völligen Überschnappen. Es geht mit diesem Titel eine gewisse bis zur Lächerlichkeit hinreichende Überheblichkeit einher.

Student: Frau xy, ich hätte da mal eine Frage!
Frau xy reagiert nicht.
Student: Frau xy?
Frau xy: Also wenn Sie mich meinen, sprechen Sie mich mit Frau Professor Doktor xy an. Sonst brauchen Sie keine Reaktion erwarten.

Wenn mir heutzutage ein junger Mensch erklärt, er möchte unbedingt etwas mit Menschen machen, dann lächle ich ihn nur an. In etwa so wie ich kleine Babys anlächle, die vor sich hin brabbeln. Ich nicke freundlich und denke mir:

Ach ja. Mach du nur.
Oh, schau an. Was für eine schöne Steinwand. Ach ja, Steine sind auch ganz nett. Hmmmh. Steine…
Seufz. 

Hilfe, ich muss zunehmen!

Als ich die Tage in Darmstadt war, traf ich mich wie immer mit der dortigen Standortleiterin. Sie ist quasi mein Pendant und wir sind befreundet. Wir sind uns ähnlich, verkörpern aber doch genaue Gegensätze.

Bei einer gemeinsamen Mittagspause stellten wir kürzlich erstaunt fest, dass diese für uns beide aus einem Eiweißshake besteht. Das ist deshalb so ungewöhnlich, weil sie untergewichtig ist und verzweifelt zunehmen möchte. Ich bin immer noch übergewichtig und möchte abnehmen. Wir haben beide ein Problem mit unseren Körpern, beide kennen wir Body-Shaming, beide versuchen wir etwas zu ändern und schielen etwas neidisch auf den jeweils anderen. Allein, ich habe die besseren Karten. Es erscheint mir nämlich so viel einfacher zu sein, Gewicht zu verlieren als Gewicht zuzulegen.

„Hilfe, ich muss zunehmen!“, sagt sie und quält sich. Sie muss sich über die Bedürfnisse des Körpers hinwegsetzen, muss essen ohne Hunger oder Appetit zu haben. Dazu kommt, dass ihr Untergewicht von einer Erkrankung herrührt und sie nur wenige Nahrungsmittel zu sich nehmen kann. Sie verträgt kaum etwas und hat von ihrer Diätassistentin einen Stufenplan bekommen mit einer geringen Auswahl an reizarmen Lebensmitteln. Wenn sie was nicht verträgt, muss sie immer eine Stufe zurück. Das ist so furchtbar!

Wie froh kann ich sein. Ich muss nur abnehmen. Ehrlich, das ist doch gar nicht so schwer. Ich muss nur verzichten. Noch nicht mal das. Essen kann und darf ich alles, die Menge ist entscheidend. Ich leide nicht. Ganz im Gegenteil.

Zunehmen, dass ist doch ganz einfach. Denkt man. Was aber, wenn man nicht jeden Tag eine Pizza verdrücken oder sich laufend mit Süßigkeiten vollstopfen kann, weil man nichts davon bei sich behält? „Kann sein, dass ich an den Tropf muss,“ sagt sie, „es ist echt zum Verzweifeln.“ Und dann fügt sie hinzu: „Ich beneide dich.“

Once again with feelings

Ich bin schon wieder unterwegs, wieder im Süden der Republik, nur diesmal in Darmstadt und Heidelberg statt Mannheim.

Ich mag es nicht. Ich mag es nicht, lange Zug zu fahren, ich mag es nicht, in Hotelbetten zu schlafen, ich mag das miese WLAN nicht, die Kofferschlepperei, das „fern-von-zuhause“ und das Abweichen von meinen Alltagsroutinen. Wie toll findet man das alles als junger Mensch, als Berufsanfänger. Aufregend, so glaubt man, ist es, wenn man Firmenreisen unternimmt und auf Meetings einschwebt, um von interessierten Mitarbeitern für die tolle Präsentation, die man haltet, bewundert zu werden.

In Wahrheit ist alles ganz anders. Genaugenommen sitze ich gerade jetzt im Schlabberlook und ohne Hose auf einer billigen Matratze in einem Hotel, das – warum auch immer – tatsächlich EINEN Stern hat. Vermutlich einfach dafür, dass die Zimmertüren abschließbar sind. Waschbecken und Dusche befinden sich mitten im Zimmer, das Fenster lässt sich zwar öffnen, aber zu einer vierspurigen Straße und gegenüber ist ein Wohnhaus, weshalb man sich entscheiden muss: Verdunkelungsjalousie oder Einblicke. Das gilt übrigens auch umgekehrt. Ich kann euch sagen. Ich habe Dinge gesehen…

Ich hätte natürlich ein anderes Hotel buchen können. Aber aus unerfindlichen Gründen ist Darmstadt im Februar so begehrt, dass meine bevorzugten Quartiere ausgebucht waren oder ich keine 300 Euro/Nacht zahlen wollte (bzw. mein Unternehmen). Gerade frage ich mich, ob das mit dem Valentinstag zusammenhängt. Darmstadt als Zentrum der Liebe… Nun, wer weiß. Hier gibt es immerhin einen Hochzeitsturm (hässlich übrigens*, wie all das Jugendstilgedöhns hier. Ich bin eher der Bauhaus-Typ. Klar, nüchtern, keine Schnörkel.)

Man kann vielleicht herauslesen, dass ich irgendwie angepisst bin. Ach naja, das liegt auch an dem heutigen Meeting, das genauso wenig glamourös oder spannend war, wie der Rest des Aufenthalts. Statt in Darmstadt fand es in Heidelberg statt. Statt 10 Uhr um 12 Uhr (dann hätte ich auch direkt anreisen können, ohne Übernachtung), die Technik hat natürlich versagt, die Präsentationen waren gruselig und bisweilen wähnte ich mich im Kindergarten. Der zweite Teil folgt morgen.

Aus Frust habe ich heute lauter Mist gegessen. Proteinchips, Bemmchen, Eiweißriegel, Eiweißriegel, Eiweißriegel, Wurst, Maischips, Fruchtriegel usw. Am Ende hatte ich 1600 kcal auf dem Konto. Das schlechte Gewissen wog so schwer, dass ich das Hotelzimmer in eine Muckibude umgewandelt und mein Marc-Lauren-Programm hier durchgezogen habe. Das verbraucht zwar kaum Kalorien, aber es hat mich zum Fluchen und Schwitzen gebracht. Ich hoffe auf einen Strafmuskelkater. Den letzten hatte ich im Bauch und das war kein Spaß. Vor allem wenn man den hier im Süden schon rumfliegenden Pollen ausgesetzt ist und niesen muss.

Aber das Beste an der ganzen Geschichte: In genau einem Monat bin ich wieder hier. Hurra!

*Aber mit ungewollter Ironie. Er sieht aus wie ein riesiger F*ck-Finger.