Busenfeinde

Ich habe Busenfeinde. Genaugenommen – auch wenn ich jetzt den Spannungsbogen schreddere: ich HATTE Busenfeinde. Jetzt bin ich sie los. Dank des besten Ehemanns und einer Musicaldarstellerin.

Die meisten Frauen haben übrigens Busenfeinde. Du vermutlich auch, wenn du eine Frau bist. Und ganz besonders, wenn du keine Normfrau bist. Normfrauen sind die 0,0001 % der weiblichen Weltbevölkerung, die z.B. maßgeblich dafür verantwortlich sind, dass wir pinke Autos fahren sollen, die zwar kaum PS, dafür aber Schminkspiegel verbaut haben. Normfrauen sorgen auch für die Dosierung von Medikamenten, die uns Nichtnormfrauen fett und pickelig werden lassen und für Feinstrumpfhosen, die in Größe 40 nur bis zu den Knien hochzuziehen sind. Außerdem verdanken wir ihnen den Anti-Pups-Joghurt, den wir anscheinend täglich essen müssen, um nicht wie ein Ballon davon zu fliegen.

Normfrauen bescheren uns zudem Busenfeinde. Du ahnst es schon. Ich rede von BHs. Genauer von BH-Größen. Der Normfrau-BH reicht von 75 B bis 85 D und passt damit so ziemlich genau nur Normfrauen. Die Restfrauen glauben, in Normfrauen-BHs zu passen und ignorieren Doppelbrüste, Rückenschmerzen, Wackelpudding, rutschende Träger, Falten, Hängebrüste und Atemnot.

Angeblich tragen 60 – 70% der Frauen die falsche BH-Größe. Und das ist kein Wunder, denn wenn man keine Normfrauenmaße hat – so wie ich – sind die Größenvorschläge, die Wäscheberater so ausgeben, wirklich verwirrend. Ich trage z.B. laut verschiedener Rechner folgende Größen: 85 A, 75 B, 70 F, 32 F, 80/90, 70 G, 65 G, 65 J.

Die Kennerin sieht sofort, dass ich damit echt gute Chancen habe, in einem normalen Geschäft einen passenden BH zu finden.

Durch die Abnahme ist mein Busen stark geschrumpft, von 105 cm Unterbrustumfang und 128 cm Brustumfang auf 72 cm / 89 cm. Viel mehr wird da jetzt nicht mehr verschwinden. Also dachte ich, kann ich mir ja mal einen BH kaufen, der mein „Ist-ja-nur-für-kurze-Zeit“-Budget von 10 Euro überschreitet.

Auf diesen Gedanken kam ich aber nicht alleine. Alle Standard-BHs, die ich nämlich so getragen habe, waren im Grunde total überflüssig, weil sie überhaupt nichts gehalten haben. Ich vermeide das Wort HÄNGEN. Auch gedanklich! Darauf angesprochen hat mich dann aber mein lebensmüder, jedoch mutiger Ehemann, der oftmals Worte ausspricht, die am „Formulier das um Himmels Willen anders“ – Filter irgendwie vorbeiflutschen.

Ein paar Tage später wagte ich mich also – ohne Ehemann – in ein Wäschegeschäft, das mit ungewöhnlichen Größen wirbt. Dort hat mich dann besagte Musicaldarstellerin vermessen und mir Größe 65 G – 70 H empfohlen. Sie hat mir ein paar BHs in diesen Größen rausgesucht und ich durfte anprobieren. Kaum hatte ich den ersten an, passierte genau das, was ich befürchtet habe und weshalb ich früher nie in solche Geschäfte gegangen bin. Ich hatte nur vergessen, warum.

RATSCH – sie reißt den Vorhang auf und beäugt mich mit skeptischem Blick.  Leute, ich bin nicht gerade Frau Selbstsicher, was meine neue Optik angeht. Schon gleich gar nicht halbnackt!

Natürlich ist sie ganz professionell und erklärt mir – am Anschauungsobjekt Katja – warum das Unterbrustband wirklich straff sitzen soll (es trägt 80% der Last!) und welche Form der Körbchen für mich geeignet sei.

Nach dem ersten Schock und den Sekunden, die ich brauchte, um über das Gefummel einer fremden Frau an meinen Brüsten hinwegzukommen, bin ich ziemlich erstaunt. Ich habe plötzlich ein Dekolleté und alles sitzt fest. Mein Busen ist quasi gefühlt 20 cm höher und sitzt jetzt knapp unter dem Kinn. Und das ist nur leicht übertrieben.

Ich darf noch andere Modelle probieren. Für das Umziehen von BH zu BH gönnt die Königin der Löwen mir dabei jeweils 3 Sekunden Privatsphäre, bevor sie wieder den Vorhang aufreißt und ich mit Schnappatmung hilflos versuche, meine Blößen irgendwie zu verstecken. Nach dem dritten Modell kann ich verdammt schnell einen BH an und ausziehen! Selbst die Musicaldarstellerin ist beeindruckt: „Wow, sie können den aber schnell schließen – ich habe bestimmt 10 Jahre gebraucht, bis ich das so blind geschafft habe!“

Sagt die 20-jährige Sissi. Ich verpasse den Alterskonter, weil ich mich fasziniert im Spiegel betrachte und selbstverliebt an meinem Busen rumgrabsche.

Ich ziehe mein Oberteil drüber und latsche im Laden rum. Zum Glück bin ich alleine, denn ich mache Ausfallschritte, Kniebeugen, ich gehe wie Quasimodo, wackle wie Josephine Baker und berühre dann meine Zehen. Also ganz so, wie ich mich im Alltag bewege… Dazwischen fummle ich an meinen Brüste rum und bin ganz begeistert, wie fest und voll die sich anfühlen. Zum Glück ist es draußen schon leer, kaum Passanten – die würden mich ja für voll bekloppt halten, denke ich, während ich voll bekloppt Hampelmänner hüpfe.

Das Phantom der Oper bleibt ganz cool und entpuppt sich als super nett. Wir quatschen über BH-Farben und Klebe-BHs, die sie auf der Bühne tragen musste und die immer zum Hals hoch gerutscht sind. Ihre Verkaufsstrategie geht jedenfalls auf. Ich lasse einen dreistelligen Betrag da und nehme dafür zwei BHs mit.

Ich bin glücklich, der Mann ist glücklich, der Starlight Express ist glücklich. Unser Konto nicht so. Und meine Busenfeinde auch nicht. „Lass sie uns zerschneiden und verbrennen!“ sagt der beste Ehemann.

Ich betatsche stolz meinen Busen* und nicke.

* ich arbeite daran, mir das abzugewöhnen – vor allem in der Öffentlichkeit.

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