Was ist eigentlich normal?

Gestern ergab es sich so, dass meine ebenfalls mit FLÜ abnehmende Kollegin und ich uns über gestörte Körperwahrnehmung unterhielten. Sie ist fast im Normalgewicht, ich bin im Normalgewicht. Wir haben momentan beide das Gefühl, dass tatsächlich sehr viele Menschen im Umfeld oder auch einfach auf der Straße übergewichtig bis stark übergewichtig sind.

Das liegt u.M.n. daran, dass wir uns deutlich massiver vergleichen, sich aber auch unsere Maßstäbe verändert haben. Während wir früher beide dachten, „so wie xy auszusehen, würde mir schon reichen“, sind wir heute kritischer. Zumal unsere xy-Personen meist propper und tatsächlich übergewichtig waren/sind. Wir haben schlicht und einfach Übergewicht gar nicht als solches erkannt.

„Wenn du noch weiter abnimmst, rutscht du durch die Gullischlitze.“ (Mami, 2017)

Das mag nun wertend klingen, aber eigentlich ist es eher die nüchterne Erkenntnis, die uns überrascht hat. Wenn ich mich hier in meinem Arbeitsumfeld umblicke, haben wir 40% normalgewichtige und 60% nicht normalgewichtige MitarbeiterInnen (in Hamburg), genauer 40% übergewichtige und 20% adipöse, Untergewicht hat keiner. Das mag bei unseren Studierenden anders aussehen, denn darunter sind sehr viele schlanke junge Frauen und Männer. Möglich dass die Verteilung daher auch vom Alter abhängt. Sicher gibt es dazu präzise Studien.

Wenn es stimmt, das wir mit Normalgewicht mittlerweile zur Minderheit gehören, wundert es mich nicht, wenn sich die Wahrnehmung verschiebt. Man findet ja immer das normal, was einen mehrheitlich umgibt.

Ich falle nun, zumal für meinen Altersbereich wieder aus der Norm, weshalb man es für total absurd (und überflüssig) hält, dass ich noch weiter abnehmen möchte (hin zum durchschnittlich normalen BMI von 21).

„Du warst ja schon immer ein bisschen moppelig.“ (Bekannter, 2002)

Als ich das letzte Mal mein jetziges Gewicht hatte, das war vor ziemlich genau 15 Jahren, fühlte ich mich allerdings deutlich schlanker als heute. Ich glaube, dass das daran liegt, dass meine damalige Abnahme mit einer schlimmen vorherigen Krankheit zu tun hatte (ich verlor ca. 30 kg innerhalb ein paar Monaten) und daher überwiegend Muskelmasse abgebaut wurde. Meine Beine z.B. sahen damals viel dünner aus als jetzt. Mir wurde von meiner Umwelt aber nicht signalisiert, dass ich nicht weiter abnehmen sollte. Im Gegenteil, ich wurde immer noch als übergewichtig wahrgenommen. Nur mein Anästhesist erklärte, ich hätte Normalgewicht (allein deshalb weiß ich überhaupt, wie viel ich damals wog).

„Fette Blunzen!“ (Mitschüler, 1988)

Davor wog ich mit 15/16 Jahren bei gleicher Größe ebenfalls ungefähr 70 Kilo und war damit auch im Normalgewicht. Ich erinnere mich sehr gut daran, wie mir laufend zu verstehen gegeben wurde, ich sei zu dick. Meine Diätkarriere hängt maßgeblich mit diesem Gefühl zusammen, das mir als Teenager leider auch von meinen Eltern vermittelt wurde. Weshalb ich jedem davon abrate, Gewicht vor Volljährigkeit zum Thema zu machen. Dazu rät auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Nämlich dass es besser ist, für ausreichend Bewegung zu sorgen und Zurückhaltung vorzuleben. Wäre nicht seit dieser Zeit „Essen“ für mich mit negativen Gefühlen wie Schuld und Versagen verbunden, hätte ich vielleicht die Kurve gekriegt.

Statt dessen muss ich jetzt, mit über 40 wieder lernen, dass Essen mich nicht beherrscht, sondern ich das Essen.

Nun gehen aber zweifellos zahlreiche Gesundheitsrisiken mit Übergewicht einher, so dass unabhängig von Wahrnehmung und Präferenz die Veränderung nach oben zu unseren Ungunsten abläuft. Ob wir (leichtes) Übergewicht schön finden oder nicht, es beschert uns als Gesellschaft nachhaltig Probleme.

Was also tun?

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Hurra! Ich bin U-Aaaa!

Also eigentlich bin ich U-Ach, aber das klingt ja nicht so schön. Nein, ich bin U-Aaaa! Unter 80. U80. Ich wiege keine 80 Kilo mehr. Ich habe die 7 vorneweg. Und falls es bis hierher noch nicht ganz klar geworden ist.

Ich wiege wirklich, wirklich! 

79,8 kg

!!!

Boah bin ich gerade happy!

Das letzte Mal, von dem ich sicher weiß, dass ich irgendwas mit 70 wog, war vor meiner OP im Jahr 2002. Da musste ich mich beim Anästhesisten wiegen und kam auf 73 kg. Btw habe ich mich damals für mein „hohes“ Gewicht total geschämt und war überrascht, dass er mich deswegen nicht doof angemacht hat. Er war wohl seiner Zeit voraus. Denn heute sind die Ärzte viel zurückhaltender, wenn es um Übergewicht oder Adipositas geht. Jedenfalls hat mir zu meinen dicksten Zeiten (~120 kg) kein Arzt jemals zum Abnehmen geraten. In meiner FLÜ*-Facebookgruppe und auch von Dr. Nadja Hermann selbst wird das ja sehr negativ bewertet. Ich gebe zu, dass ich das entspannter sehe. Druck von außen hätte mir jedenfalls nicht geholfen. Hat mich z.B. auch nicht dazu bewegt, das Rauchen aufzugeben. Ich musste es schon selbst wollen. Der innere Druck musste für mich groß genug sein, dabei aber unbedingt motivierend und nicht deprimierend.

Auf jeden Fall wird heute gefeiert! Das ist ein weiterer Meilenstein in meiner Abnehmhistorie, ein ganz besonderer sogar. Ich bin einfach nur glücklich.

Fakten am Rande: Ich habe bis heute 36,7 kg verloren. Mein BMI liegt glatt bei 27. Angefangen habe ich mit BMI 39,4. Es fehlen noch 5 kg bis zum Normalgewicht (BMI <25) und 15,8 kg bis zum Wunschgewicht (= 64 kg).

*FLÜ = Fettlogik überwinden (das Buch von Dr. Nadja Hermann)