Von fett zu fit

Seit Weihnachten, ziemlich genau seit Heiligabend, dümpelt mein Gewicht so vor sich hin. Genau am 24.12. zeigte mir die Waage 81,8kg. Darüber habe ich mich natürlich gefreut, denn das waren über 4 kg Verlust seit Ende meines Urlaubs. Doch dann folgte die reinste Berg- und Talfahrt: Hoch, runter, hoch, sehr hoch, wahnsinnig hoch, tiefer Absturz, hoch usw. Bis gestern, da lag das Gewicht dann mal etwas niedriger, und zwar bei 81,5 kg. Hurra, 300 g abgenommen.

Klar, die Feiertage, die Völlerei, kein Wunder, kann man ja noch froh sein..

Aber! Die Wahrheit ist: ich habe gar nicht so rein gehauen. Tatsächlich habe ich mich ziemlich gebremst, bis auf ein paar Plätzchenexzesse (dafür gab es dann aber nur noch ein Abendessen). Alkohol trinke ich nicht, lediglich an Silvester habe ich mir zwei Gläser Champagner gegönnt. Alles, was ich zu mir genommen habe, habe ich getrackt. Zwei Tage kratzte ich am Gesamtumsatz (ca. 2.200 kcal).

Und seit über drei Wochen bin ich mit einem absolutem Hardcore-Sportprogramm dabei. D.h. ich mache beinahe täglich entweder etwas sehr kraftintensives (mit Marc Lauren) oder Cardio (mit Exerbeat oder ZombiesRun), oder beides (Boxtraining mit Gewichtsmanschetten).

Wäre ich ahnungslos, wäre ich jetzt wahrscheinlich am Verzweifeln bzw. hätte bei dem Auf und Ab womöglich das Handtuch geworfen. Ich bin ja nun auch nicht von heute auf morgen total fettlogikfrei geworden. Natürlich spuken da so Gedanken wie „Setpoint“ und „ruinierter Stoffwechsel/Hungerstoffwechsel“ im Kopf herum. Zum Glück spiele ich dieses Spiel schon über ein halbes Jahr. Und zum Glück habe ich nicht nur „Fettlogik überwinden“ gelesen, sondern auch einen Physiker auf dem Klo, der Nadjas Überprüfung der Studienlage noch um weiteren wissenschaftlichen Details ergänzt. Daher war mein Mantra über diese Zeit vor allem folgendes: Um 1 kg zuzunehmen, hätte ich 7000 kcal zusätzlich zum Gesamtumsatz essen müssen . Das klappt schon schwerlich in zwei Tagen, aber von heute auf morgen gar nicht, außer man gönnt sich einen dieser Herzinfarkt-Burger, die in den USA frei verkäuflich sind. Aber selbst dann setzt man kein ganzes Fettkilo zu, weil der Körper mit der Verwertung/Speicherung überfordert ist.

Solange ich mich mit dem Essen bzw. den Kalorien nicht bescheiße verschätze, KANN ich nicht zugenommen haben. Außer ich wäre ein physikalisches Wunder und könnte z.B. Licht verstoffwechseln.

Wassereinlagerungen spielen bei dem Auf und Ab auch eine Rolle und ich wurde in den letzten Monaten oft davon geärgert. Ganz besonders nach intensivem Sport.

Und das ist der Knackpunkt. Die drei Wochen Hardcore-Sport haben bei mir zu der Stagnation auf der Waage geführt, nicht das Essen. Eine Körperanalyse am Samstag hat ergeben, dass ich tatsächlich Muskelmasse aufgebaut habe. Nichts weltbewegendes, aber doch so viel, dass mein Grundumsatz trotz niedrigerem Gewicht 20 kcal höher ausfällt. Mein Körperfettanteil ist zudem mit 34,4% erstmalig unter 35% (wobei die Waage hier nicht so präzise ist wie der Kaliper, was vermutlich damit zu tun hat, dass ich mit einem G-Körbchen bedacht wurde*).

20 kcal sind nicht mal ein Stück Würfelzucker (den ich ohnehin nicht essen würde). Aber das ist ganz egal. Für mich zählt, dass es mir gelungen ist, trotz Diät Muskeln aufzubauen. Und dass es tatsächlich stimmt, dass mehr Muskeln zu einem höheren Grundumsatz führen.

Eine höhere Eiweißzufuhr könnte den Aufbau zudem begünstigt haben. Ich liege aktuell bei mindestens 100 g pro Tag, das entspricht ungefähr 1,2 g pro aktuellem Körpergewicht bzw. 1,6 g pro Normalgewicht und folgt damit den allgemeinen Empfehlungen.

*Die Analysewaage hat ein Handteil und jagt Strom durch den Körper (nicht spürbar natürlich). Bei einem großen Busen kann das Ergebnis verfälscht sein. Der Kaliper liegt bei ca. 32% Körperfett, was in meinem Alter kurioserweise schon als normal gilt.

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Dünnsack!

Heute ist es mir dann auch passiert. Es muss an der Kleidung liegen (Zigarettenhose und Blazer), da ich gleich von mehreren Seiten auf mein Aussehen angesprochen wurde. Oder an den 3 Tagen, in denen ich anscheinend optisch 10 kg verloren habe (leider nicht real).

„Du bist ja nur noch Haut und Knochen!“
Ich wiege auf 172 cm ca. 93 kg und bestehe fast zur Hälfte aus Fett.

„Nicht dass du so ein Magermodel wirst!“
Nochmal, ich wiege ca. 93 kg und bin laut BMI noch im adipösen (also krankhaften) Bereich. Ich wäre schon froh, wäre ich „nur“ übergewichtig.

„Jetzt ist aber mal gut, du musst ja nicht von einem Extrem ins andere fallen!“
Naja, dann doch lieber das Extrem „93kg-Magermodell“, als die diabetes- und herzkrankgefährdete Fettsüchtlerin.

Ich frage mich natürlich, was da kommen wird, wenn ich weiter abnehme. Ich habe ja noch nicht einmal Bergfest, d.h. über 25 kg will ich noch verlieren. Ich gehe tatsächlich davon aus, dass man mir irgendwann sagen wird, ich sei zu dünn. Ich werde mich dann über den BMI/das Gewicht rechtfertigen müssen. Die Wahrnehmung hat sich ja tatsächlich verschoben, übergewichtig gilt heute eher als normal als das noch vor 25 Jahren der Fall war.

Aber ehrlich gesagt ist mir das ziemlich wumpe.

In der Facebookgruppe zum Buch „Fettlogik überwinden“ ist die Empörung meist groß, wenn Aussagen wie obige an einen herangetragen werden. Oft weht ein Sturm der Entrüstung durch die Timeline über das vermeintlich überall auszumachende „Skinny-Shaming“ (ich weiß nicht, ob es so heißt, ich nenne es jetzt mal so, ansonsten geht auch Body Shaming, ist aber nicht das Gleiche). Gleichzeitig wird aber,  „nur aus Gesundheitsgründen“, gerne mal „Fat-Shaming“ betrieben. Nur nicht so direkt. Wird in den Medien z.B. eine mollige oder dicke Person als Role-Model gehypt, reiht sich Kommentar an Kommentar, wie schrecklich das doch sei und welch falsche Richtung die Fat-Acceptance Bewegung einschlüge. „Ich habe ja nichts gegen Dicke, bin ja selbst noch übergewichtig, aaaber…“

Es könnte einem doch völlig egal sein? Könnte man doch drüber stehen, wenn man es geschafft hat, sich zu verschlanken, statt das gleiche Verhalten an den Tag zu legen, dass einen selbst stets genervt hat, als man noch dick war.

Aber ich glaube, dahinter steckt eine Art der Motivationsfindung, ähnlich wie bei der Nikotinentwöhnung. Da zeigt man dann auch mal gerne mit dem Finger auf die Raucher und erklärt altklug, wie gefährlich diese Such doch sei, um sich im eigenen Vorhaben zu bestätigen.

Vielleicht schwingt bei dem einen oder der anderen auch Bedauern mit: „Jetzt mache ich alles richtig und nehme ab, um kein geshamtes Moppelchen mehr zu sein und dann werden die Moppelchen plötzlich akzeptiert.  Wofür habe ich mich denn dann so gequält? Wo bleibt mein Applaus?“ Statt dessen hagelt es – schon wieder – Kritik. Schon bitter sowas.  Aber auch ein bisschen cool. Endlich mal ge-skinny-shamed zu werden, bauchpinselt doch auch ein wenig?

Persönlich glaube ich nämlich, dass Skinny- und Fat-Shaming unterschiedlich konnotiert sind. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an meine sehr dünne Schwester. Und an die fürsorglichen und wohlwollenden Worte meiner Mutter*: „Kind, iss doch mal was.“ „Kein Wunder, dass Du frierst, so dünn wie Du bist.“ „Klar bist Du müde. Wenn man so schlank ist, ist der Blutdruck ganz niedrig, das ist normal.“

Ich dagegen, kräftig gebaut (nicht dick), hörte weniger fürsorgliche, sondern eher abwertende und manchmal sogar angeekelte Worte. Als Kind merkt man schnell, wenn man nicht als „normal“ empfunden wird.

Ich gehörte für meine Mutter in die Kategorie der „Weiber“, sollte wallende Gewänder tragen (und musste das auch) und alles was verspielt oder zierlich war, war schon per se nichts für mich. Als ich mit 8 Jahren wie meine Schwester reiten anfangen wollte, verbot es mir meine Mutter: „Deine Schwester kann sich ja noch abfangen, wenn sie vom Pferd fällt, aber Du…“ Wohlgemerkt war ich die sportliche, meine Schwester eher ungelenk. Mit 9 musste ich durch die erste Diät. Es folgten viele weitere. Mit 19 Jahren und 67 kg (BMI 22,6 = mittleres Normalgewicht) fühlte ich mich fett wie ein Wal. Heute wäre ich froh, ein solcher Wal zu sein…

Wann immer es zum Vergleich dünn/dick kam, schnitt dick schlechter ab. Die Äußerungen dazu waren durchweg abwertend. Zu dünn/mager dagegen wurde auch verurteilt, aber es schwang immer ein wenig Neid, Mitleid und sogar Anerkennung mit. Am Dünnsein waren äußere Faktoren beteiligt, am Dicksein war man selbst schuld. Oder anders gesagt, wenn jemand als zu mager bewertet wurde, war es eher als Kompliment zu verstehen. Auch heute ist das noch so, wenn über dünne Kolleginnen gesprochen wird.

Ich bin daher sehr tiefenentspannt, wenn man mir unterstellt, ich bestünde nur noch aus Haut und Knochen (aktuell ja doch eher sehr fette Haut). Selbst wenn man mich als zu dünn empfinden würde, wäre es mir ganz gleich. Ich weiß ja, dass Neid der wesentliche Motor solcher Äußerungen ist.

Von mir aus kann man sich hinter meinem Rücken darüber auslassen, ob ich nun in eine Magersucht rutsche (sehr wahrscheinlich mit 93 kg). Man kann das auch offen äußern, wenn man nicht hinter dem Berg halten kann. Bestenfalls halte ich denjenigen nur für ziemlich bekloppt. Ich glaube jedenfalls nicht, dass es mich verletzen würde, keinesfalls so wie die zahlreichen Beleidigungen, die ich als dicker Mensch zu ertragen hatte/habe. Aber ich erwarte auch nicht, dass ich z.B. als schlanke Sau beschimpft werde. Oder als Dünnsack, Magere Kuh? Ich glaube, ich müsste lachen. Bei „fetter Sau“ war mir doch eher zum Weinen.

Ganz zum Schluss wäre es doch einfach nur wunderbar, wenn man Menschen – ob dick, dünn oder normalgewichtig, einfach nur akzeptieren würde, wie sie sind.

*Meine Mutter ist mittlerweile geläutert. Ein allzu enges Verhältnis haben wir aber bis heute nicht.