Nur ein Jahr

Im Februar 2016 war ich bei meinen 172 cm 120 kg schwer. Ich trug Kleidergröße 56 (oben) und 50 (unten), BH-Größe 105 F und Schuhgröße 41,5. Ich war 42 Jahre alt.

Fast alles, was ich zu dieser Zeit im Kleiderschrank hängen hatte, war schwarz. Diese Kleidung musste ich online kaufen, da es in normalen Bekleidungsgeschäften für mich kaum etwas zum Anziehen gab. Ich konnte auch nur noch flache Schuhe tragen, die möglichst breit sein mussten, sonst bekam ich meine aufgequollenen Füße abends kaum heraus. Mein Doppelkinn versteckte ich mit Halstüchern, auch im Hochsommer.

Schmuck, obwohl reichlich vorhanden, trug ich fast gar nicht mehr. Ringe brachte ich nicht mehr auf oder vom Finger, Ketten spannten über das Genick, Ohrringe, selbst die großen, wirkten verloren in meinem Gesicht.

Ich vermied, wo es ging, auf Fotos abgelichtet zu werden. Wenn ich auf der Couch saß, spürte ich meinen dicken Bauch und fühlte mich schwanger. Ich musste ihn weghieven, wenn ich aufstand. Socken und Schuhe konnte ich nur im Sitzen anziehen. Und ich konnte nur für wenige Sekunden in die Hocke gehen.

Es war mir nicht möglich, meine Arme vor dem Körper zu verschränken oder meine Beine beim Sitzen übereinanderzulegen. Bei Stühlen musste ich darauf achten, dass sie für über 100 kg geeignet waren. Ein Gartenstuhl, der das Kriterium nicht erfüllte, zerbrach unter mir.

Beim Duschen musste ich mich durch die Glastüre quetschen und beim Abtrocknen reichte kein einziges Handtuch um meinen Körper.

Saß ich in der S-/oder U-Bahn, konnte nur noch ein sehr schlanker Mensch neben mir sitzen. In Autos musste ich den Sitz weit nach hinten schieben. Wenn ich längere Zeit irgendwo saß, taten mir die Füße beim Aufstehen so weh, dass ich einige Schritte humpeln musste, bevor ich normal gehen konnte. Normal gehen konnte ich aber nur für ein paar 100 Meter. Der Weg von der Haltestelle zu mir nach Hause verursachte Beinschmerzen. Einkäufe erledigte ich mit Minimalbewegung und mit Hilfe von Bus und Bahn. Fahrstühle und Treppen waren meine besten Freunde, denn meine Knie begannen zu schmerzen, wenn ich Stufen nach unten stieg.

Ich dachte damals sogar, dass mich die mörderisch lange Treppe an der Haltestelle bei meiner Arbeit irgendwann einmal umbringen würde, da ich japsend, nach Luft schnappend, das mit einem Husten oder Lachen überdeckend, oben ankam und dabei das Gefühl hatte, das Herz springt mir gleich aus der Brust.

Ich begann, mich mit achtsamen Essen auseinanderzusetzen und versuchte, die zahlreichen Süßigkeiten, die ich konsumierte, wegzulassen. Ich nahm 3,5 kg ab.

Am 26.05.2016 las ich dann ein Buch. Dieses Buch heißt „Fettlogik überwinden“, geschrieben von Nadja Hermann.

Am 27.05.2016 begann ich, mein Leben zu verändern.

Heute, genau ein Jahr später, bin ich bei meinen 172 cm 71 kg schwer. Ich trage Kleidergröße 38 (oben und unten), BH-Größe 70 D und Schuhgröße 40,5. Ich bin 43 Jahre alt.

Das rechte Bild ist jetzt nicht der Burner. Ich wollte eigentlich nur die absolut coolen Wolken-Haargummis fotografieren, was sich als schwerer herausstellte als gedacht.

Ich möchte mich an dieser Stelle bei Nadja bedanken für dieses unglaubliche Geschenk! Dank ihr hat sich meine Lebensqualität, meine Gesundheit und meine Stimmung um ein vielfaches verbessert und zumindest rein statistisch hat sie mir auch ein paar Lebensjahre mehr verschafft! Darüberhinaus hat sie mir mit ihrem Buch auch gezeigt, dass man seinem Schicksal eben nicht hilflos ausgeliefert sein muss. Das ist eine Lektion, die durchaus übertragbar ist. Herzlichen Dank, Nadja!

Und ganz besonders bedanke ich mich beim bestesten Ehemann, der über die (großartigen) Comics von Erzählmirnix (auch Nadja) auf das Buch kam und es mir empfohlen hat. Seine Unterstützung und Liebe haben die Abnahme bis hierher begleitet, nebenbei hat auch er Kilos gelassen und wir machen gemeinsam weiter, bis wir unsere Ziele erreicht haben. ❤

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Berlin arschkalt und ohne Leiche

Ich war diese Woche ein paar Tage in Berlin. Baalin, wie mein dortiger Kollege zu sagen pflegt. Wieder Mal beruflich unterwegs also, aber ich muss zugeben, dass ich lieber in die Hauptstadt als in den Süden der Republik fahre. Das liegt sicher daran, dass besagter Berliner Kollege mein absoluter Lieblingskollege ist, aber es hat auch damit zu tun, dass ich eine gewisse Zuneigung zu Berlin verspüre. In meinem Umfeld bin ich damit auf weiter Flur allein. Dort kursieren böse Annahmen und Vorurteile der Stadt und besonders den Bewohnern gegenüber. Vielleicht hatte ich bisher einfach Glück, die Berliner Schnauze finde ich jedenfalls charmant. Und ich wurde in Berlin auch immer sehr freundlich behandelt.

Wie auch immer. Meine Reise begann damit, dass die Bahn sie zunächst einmal nicht beginnen lassen wollte und den entsprechenden Zug ausfallen ließ. Aber das war nur die erste Überraschung des Tages.

Als ich dann doch in Berlin ankam, war es arschkalt. Und ich meine ARSCHKALT! Und ich natürlich überhaupt nicht darauf eingestellt. Und so durfte ich zum ersten Mal in meinem Leben beobachten, dass meine Finger in der Kälte blau wurden! Ich dachte immer, dass sei so eine Groschenroman-Klischee-Metapher: blau gefrorene Hände. Aber, Leute, das gibt es wirklich! Ich hätte gerne ein Foto gemacht, aber ich konnte das Handy nicht bedienen, weil die Finger nicht nur farbig, sondern auch steif waren!

Dass es überhaupt so weit kam, hatte auch damit zu tun, dass ich etwas irrwegig mein Hotel suchte. Friedrichsstraße rauf (oder runter), über die Spree und dann links. Cool. Der dritte Planet von der Sonne aus. So in etwa.

Im Hotel angekommen konnte ich kaum das Anmeldeformular unterzeichnen, die Finger waren nämlich noch nicht aufgetaut. In Anlehnung an meinen Nachnamen sah meine Unterschrift aus wie „Kacke“, geschrieben von einem Erstklässler mit gebrochenen Händen. Wie auch immer, es wurde akzeptiert und ich bekam meine Karte.

Vor dem Zimmer angekommen war ich schon etwas irritiert, dass da ein „Do not disturb“-Schild an der Klinke hing. Mein Karma wieder! Vorausschauend! Ich öffne also die Türe und erlebte die zweite Überraschung. Es bot sich nämlich folgender Anblick: Das Bettzeug war zerknüllt, der Mülleimer überfüllt, am Schreibtisch lagen Papiere. Die Badezimmertür rechts von mir war geöffnet und gebrauchte Handtücher lagen auf dem Boden.

In Bruchteilen von Sekunden schoss mir durch den Kopf:

  • Erster Gedanke: Aaaah, falsches Zimmer! Da wohnt noch einer!
  • Zweiter Gedanke: Verdammt, mein Zimmer ist noch nicht fertig.
  • Dritter Gedanke: Oh Gott, zum Glück habe ich keine Leiche gefunden!

Ich machte mich also auf den Weg zurück zur Rezeption. Im Geiste spielte ich schon Rechtfertigungsdialoge durch. Warum nur fühle ich mich immer schuldig, wenn ich eigentlich sauer sein müsste? Ich kam mir jedenfalls wieder mal so vor, als würde ich Umstände machen (was ich auch tat). Aber im Grunde haben die ja mir Umstände gemacht!

Egal, an der Rezeption erlebte ich meine dritte Überraschung. In Angriffsstimmung mit Schnappatmung erklärte ich, dass mein Zimmer nicht fertig sei.

Eine Sekunde Pause beim Rezeptionisten.

Dann: Kein Problem, Frau Kacke*, wir upgraden Sie als Entschuldigung. Sie bekommen sofort ein größeres Zimmer mit Balkon. Entschuldigen Sie bitte die Unannehmlichkeiten!

Das kam so plötzlich und unerwartet, dass es mir allen Wind aus den Segeln nahm und ich nur zu einem „öhm, danke“ im Stande war. Zusätzlich bekam ich auch noch einen Begleiter, der mir den Koffer trug (bzw. schob, er hat ja Rollen), mir schon im Fahrstuhl von dem neuen Zimmer vorschwärmte und es mir dann aufschloss mit den Worten: „Sie werden gleich sehen, das ist doppelt so groß!“ 

Er wartete meine zustimmende Überraschung ab und ließ mich dann allein. In meinem neuen Zimmer mit Balkon mit Blick auf die Dächer Berlins und die Charité. Letzteres sehr passend, weil ich abends die gleichnamige Serie gucken wollte.

Das tat ich dann auch. Allerdings während ich im 9. Stock in der sogenannten Feel-Good-Area völlig alleine auf dem Laufband joggte.

Deshalb buche ich so gerne Hotels mit Fitness-Bereich. Da ist nie jemand. Nie! Und ich habe Gelegenheit, die Geräte dort auszuprobieren ohne mich zum Affen zu machen. In diesem Hotel war der Raum noch dazu verspiegelt! Das war hervorragend, weil ich so beobachten konnte, wie ich eigentlich laufe!** Und es gab auch Bodenmatten, auf denen ich dann mal Liegestützt und Sit-Ups gemacht habe und dabei mein Spiegelbild unter die Lupe nahm. Sehr hilfreich!***

Ich war übrigens nicht ganz alleine. Ich lief mit Blick auf die Fensterfront. Gegenüber arbeitete ein armer Kerl einsam in einem Konferenzraum. Ich muss zugegen, dass ich ein wenig Schadenfreude empfand.****

*Vielleicht hat er auch meinen richtigen Namen gesagt.
**Wie eine lahme Ente!
***Oh Gott, ich habe immer noch voll die Wampe!
****Aber auch nur, weil es sonst immer umgekehrt ist.

Im Bilde

Ich sehe eben das Foto, das zu dem Pressetermin vor einiger Zeit geschossen wurde*. Vier Erkenntnisse: (1) Ich bin kleiner als ich dachte. (2) Ich muss mehr auf meine Hosen achten. (3) Frau Merkel imitiert meinen Look, wirkt dabei aber ziemlich zugeknöpft. (4) Ich bin die Einzige, die in die Kamera schaut und keinen Quatsch macht!

VERSUCH3

Da (2) auf dem Bild etwas dunkel ist, hier ein Ausschnitt:

hose

Zu (2) lässt sich daher anmerken, dass ich gerade am Samstag meine erste passende Hose in Größe 36 gekauft hat. Ich sehe aber nicht aus wie Größe 36. Oder wie ich mir Größe 36 vorstelle. Ich sehe aus wie Frau Merkel, nur lässiger.

Da ich nun untenrum unter bestimmten Umständen und bei einigen Marken in Größe 36 passe und obenrum ein Oberteil in XS (mit einer Oberweite von 75 E) tragen kann, stellt sich mir die Frage, wo die wirklich zierlichen und dünnen Menschen eigentlich einkaufen?

Was mir aber eigentlich zu dem Bild einfällt, ist, dass es immer gut ist, wenn man mal von anderen Personen fotografiert wird. Deshalb ermuntere ich den besten Ehemann seit neuesten dazu, mich zu fotografieren. Das sieht dann so aus:

Vor einem Jahr hätte das Zücken und Ausrichten der Kamera in meine Richtung zu einem grausamen Tod geführt. Oder Schlimmerem. Insbesondere bei spontanen Bildern in der S-Bahn.

Ganz zu schweigen davon, dass ich auf die Idee gekommen wäre, mich im Fahrstuhl abzulichten…

So ändern sich die Zeiten.

Wer noch kein so stabiles Selbstbild hat, dem empfehle ich, sich vor richtig, richtig großen Objekten ablichten zu lassen, die eigentlich kleiner sein sollten. Das verzerrt die eigene Größe (und Breite):

Alternativ kann man sich neben Dicke stellen. So wie meine mitteldicken Bekannten das früher bei Fotos mit mir gemacht haben, um plötzlich enorm schlank zu wirken. Noch besser, man stellt sich neben eben diese mitteldicken Bekannten auf Fotos und wirkt plötzlich enorm schlank. Circle of Life nennt man das dann. Oder:

giphy

Wer keine mitteldicken Bekannten hat und weniger auf Circle of Life steht, kann sich auch in ein Bild mit sich selbst rein schneiden. Das ist zwar etwas selfish, aber eindrucksvoll. Besonders wenn man mit Einhornfilter spielt. Mach das mal nach, Merkel!

*Frech: Irgendwer hat 13 unbeteiligte Personen in das Pressefoto rein retuschiert!

Vorher-Nachher

Es ist ein bisschen voreilig, von „nachher“ zu sprechen. Im Grunde müsste ich den Post mit Vorher-Zwischendrin betiteln. Denn ich bin ja noch nicht am Ende.

Aber trotzdem glaube ich, dass man schon deutliche Unterschiede sieht. Ich habe deshalb beschlossen, das absolut dickste Bild von mir (mit Shirt, geschätzt 120 kg, 24.8.2015) mit einem Bild von mir mit 80 kg und mit einem direkt von gestern (mit Mantel, Pulli, Shirt, im Fahrstuhl, 77 kg) zu vergleichen. Wie vielen (Ex-)Dicken geht es mir natürlich auch so, dass es so gut wie keine „Vorher“-Bilder gibt. Man entwickelt proportional zum Übergewicht nämlich erstaunliches Talent, Kameralinsen und Smartphones geschickt auszuweichen. Dicke sind wahrhaftige Meister im „sich-dünn-machen“, wenn irgendjemand das Wort „Foto“ auch nur denkt! Man spürt es, bevor es ausgesprochen wird!

Hier könnt ihr sehen, was FLÜ* schon möglich gemacht hat:

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Die Bilder jeweils links und rechts trennen 40 bzw. 43 kg. Links ca. 120 kg, rechts 80 kg (oben) bzw. 77 kg (unten).

Die Cola steht da übrigens sehr schön exemplarisch. Dabei gehörte die bestimmt nicht mir. Weitere Vorher-Nachher-Bilder findet ihr auch als speziell eingerichtete Seite.

*Fettlogik überwinden, das Buch von Dr. Nadja Hermann

Dünnsack!

Heute ist es mir dann auch passiert. Es muss an der Kleidung liegen (Zigarettenhose und Blazer), da ich gleich von mehreren Seiten auf mein Aussehen angesprochen wurde. Oder an den 3 Tagen, in denen ich anscheinend optisch 10 kg verloren habe (leider nicht real).

„Du bist ja nur noch Haut und Knochen!“
Ich wiege auf 172 cm ca. 93 kg und bestehe fast zur Hälfte aus Fett.

„Nicht dass du so ein Magermodel wirst!“
Nochmal, ich wiege ca. 93 kg und bin laut BMI noch im adipösen (also krankhaften) Bereich. Ich wäre schon froh, wäre ich „nur“ übergewichtig.

„Jetzt ist aber mal gut, du musst ja nicht von einem Extrem ins andere fallen!“
Naja, dann doch lieber das Extrem „93kg-Magermodell“, als die diabetes- und herzkrankgefährdete Fettsüchtlerin.

Ich frage mich natürlich, was da kommen wird, wenn ich weiter abnehme. Ich habe ja noch nicht einmal Bergfest, d.h. über 25 kg will ich noch verlieren. Ich gehe tatsächlich davon aus, dass man mir irgendwann sagen wird, ich sei zu dünn. Ich werde mich dann über den BMI/das Gewicht rechtfertigen müssen. Die Wahrnehmung hat sich ja tatsächlich verschoben, übergewichtig gilt heute eher als normal als das noch vor 25 Jahren der Fall war.

Aber ehrlich gesagt ist mir das ziemlich wumpe.

In der Facebookgruppe zum Buch „Fettlogik überwinden“ ist die Empörung meist groß, wenn Aussagen wie obige an einen herangetragen werden. Oft weht ein Sturm der Entrüstung durch die Timeline über das vermeintlich überall auszumachende „Skinny-Shaming“ (ich weiß nicht, ob es so heißt, ich nenne es jetzt mal so, ansonsten geht auch Body Shaming, ist aber nicht das Gleiche). Gleichzeitig wird aber,  „nur aus Gesundheitsgründen“, gerne mal „Fat-Shaming“ betrieben. Nur nicht so direkt. Wird in den Medien z.B. eine mollige oder dicke Person als Role-Model gehypt, reiht sich Kommentar an Kommentar, wie schrecklich das doch sei und welch falsche Richtung die Fat-Acceptance Bewegung einschlüge. „Ich habe ja nichts gegen Dicke, bin ja selbst noch übergewichtig, aaaber…“

Es könnte einem doch völlig egal sein? Könnte man doch drüber stehen, wenn man es geschafft hat, sich zu verschlanken, statt das gleiche Verhalten an den Tag zu legen, dass einen selbst stets genervt hat, als man noch dick war.

Aber ich glaube, dahinter steckt eine Art der Motivationsfindung, ähnlich wie bei der Nikotinentwöhnung. Da zeigt man dann auch mal gerne mit dem Finger auf die Raucher und erklärt altklug, wie gefährlich diese Such doch sei, um sich im eigenen Vorhaben zu bestätigen.

Vielleicht schwingt bei dem einen oder der anderen auch Bedauern mit: „Jetzt mache ich alles richtig und nehme ab, um kein geshamtes Moppelchen mehr zu sein und dann werden die Moppelchen plötzlich akzeptiert.  Wofür habe ich mich denn dann so gequält? Wo bleibt mein Applaus?“ Statt dessen hagelt es – schon wieder – Kritik. Schon bitter sowas.  Aber auch ein bisschen cool. Endlich mal ge-skinny-shamed zu werden, bauchpinselt doch auch ein wenig?

Persönlich glaube ich nämlich, dass Skinny- und Fat-Shaming unterschiedlich konnotiert sind. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an meine sehr dünne Schwester. Und an die fürsorglichen und wohlwollenden Worte meiner Mutter*: „Kind, iss doch mal was.“ „Kein Wunder, dass Du frierst, so dünn wie Du bist.“ „Klar bist Du müde. Wenn man so schlank ist, ist der Blutdruck ganz niedrig, das ist normal.“

Ich dagegen, kräftig gebaut (nicht dick), hörte weniger fürsorgliche, sondern eher abwertende und manchmal sogar angeekelte Worte. Als Kind merkt man schnell, wenn man nicht als „normal“ empfunden wird.

Ich gehörte für meine Mutter in die Kategorie der „Weiber“, sollte wallende Gewänder tragen (und musste das auch) und alles was verspielt oder zierlich war, war schon per se nichts für mich. Als ich mit 8 Jahren wie meine Schwester reiten anfangen wollte, verbot es mir meine Mutter: „Deine Schwester kann sich ja noch abfangen, wenn sie vom Pferd fällt, aber Du…“ Wohlgemerkt war ich die sportliche, meine Schwester eher ungelenk. Mit 9 musste ich durch die erste Diät. Es folgten viele weitere. Mit 19 Jahren und 67 kg (BMI 22,6 = mittleres Normalgewicht) fühlte ich mich fett wie ein Wal. Heute wäre ich froh, ein solcher Wal zu sein…

Wann immer es zum Vergleich dünn/dick kam, schnitt dick schlechter ab. Die Äußerungen dazu waren durchweg abwertend. Zu dünn/mager dagegen wurde auch verurteilt, aber es schwang immer ein wenig Neid, Mitleid und sogar Anerkennung mit. Am Dünnsein waren äußere Faktoren beteiligt, am Dicksein war man selbst schuld. Oder anders gesagt, wenn jemand als zu mager bewertet wurde, war es eher als Kompliment zu verstehen. Auch heute ist das noch so, wenn über dünne Kolleginnen gesprochen wird.

Ich bin daher sehr tiefenentspannt, wenn man mir unterstellt, ich bestünde nur noch aus Haut und Knochen (aktuell ja doch eher sehr fette Haut). Selbst wenn man mich als zu dünn empfinden würde, wäre es mir ganz gleich. Ich weiß ja, dass Neid der wesentliche Motor solcher Äußerungen ist.

Von mir aus kann man sich hinter meinem Rücken darüber auslassen, ob ich nun in eine Magersucht rutsche (sehr wahrscheinlich mit 93 kg). Man kann das auch offen äußern, wenn man nicht hinter dem Berg halten kann. Bestenfalls halte ich denjenigen nur für ziemlich bekloppt. Ich glaube jedenfalls nicht, dass es mich verletzen würde, keinesfalls so wie die zahlreichen Beleidigungen, die ich als dicker Mensch zu ertragen hatte/habe. Aber ich erwarte auch nicht, dass ich z.B. als schlanke Sau beschimpft werde. Oder als Dünnsack, Magere Kuh? Ich glaube, ich müsste lachen. Bei „fetter Sau“ war mir doch eher zum Weinen.

Ganz zum Schluss wäre es doch einfach nur wunderbar, wenn man Menschen – ob dick, dünn oder normalgewichtig, einfach nur akzeptieren würde, wie sie sind.

*Meine Mutter ist mittlerweile geläutert. Ein allzu enges Verhältnis haben wir aber bis heute nicht.